Neuigkeiten

NEUIGKEITEN / BLOG

Seit dem 5. März 2009 ist meine Web-Seite im Internet präsent.

Diese Bekanntmachungen, die in chronologischer Folge zeigen, welche Titel neu ins Netz gestellt werden, haben die Aufgabe, interessierten LeserInnen einführende Hinweise zu geben, wobei die Rubrik, unter welcher die entsprechenden Texte zu finden sind, jeweilen dabeisteht.

Alle Eintragungen zu Neuerscheinungen vor 2013 habe ich gelöscht, ebenso jene philosophischen und historischen Essays, die in meine Spirituelle Philosophie eingeflossen sind.

Seit 2016 schreibe ich auch über Themen, die mich gerade beschäftigen. Das ist sozusagen mein Blog.

Gedanken zur einer Philosophischen Anthropologie

08. September 2019

Ich will hier nur Stichworte geben, um den Aufbau einer mir entsprechenden philosophischen Anthropologie zu zeigen:

  • Die Basis bildet das, was wir Menschen mit den Tieren, gerade auch mit den hoch entwickelten, gemeinsam haben: Die Animalische Dreifaltigkeit, wie ich sie an verschiedenen Stellen formuliert habe. - Die Charakteristik derselben mündet in die Frage, inwieweit das Menschsein über diese Dreifaltigkeit hinausragt. Das führt zu folgenden Tatsachen:
  • Die erste ist die aufrechte Körperhaltung und der aufrechte Gang, wodurch die Hände frei werden, und das wiederum ist die Voraussetzung für die in der Kulturgeschichte sich entfaltende Werktätigkeit.
  • Die zweite ist das Sprachvermögen, kraft dessen wir auf der verbalen Ebene über alles Erfahrbare, Erlebbare und Denkbare unabhängig von unserem körperbedingten Standort erinnernd und planend verfügen können. Die kulturgeschichtliche Bedeutung des Erzählens gründet in dieser Fähigkeit.
  • Die dritte ist die frei verfügbare Intelligenz, die wir Denken nennen und deren innerste Natur das Bedürfnis und die Fähigkeit zum Transzendieren des im Hier und Jetzt sinnlich Wahrnehmbaren in Richtung auf das Gesetzmäßige, das Allgemeine ist. So bildet sich ein Innenleben, aus dem heraus wir in der entgegengesetzten Richtung transzendieren können, indem wir im Außensein Werke manifestieren, die ohne uns nicht vorhanden wären.
  • Mit anderen Worten: Wahrnehmen, Verarbeiten nach innen, Vorstellen, Begriffe bilden auf der einen und Fantasien, Visionen, Zielvorstellungen konzipieren und dieselben nach außen verwirklichen, kurz: Verinnerlichen und Veräußerlichen, das ist die Polarität und der Atem des irdischen Menschseins.
  • Und der menschliche Körper ist so gebaut, dass er die Grundlage für diese Polarität sein kann. Dem Verinnerlichen dient das Sinnes-Nerven-System mit Zentrum im Gehirn. Dem Veräußerlichen dient, von der Innerlichkeit impulsiert, der Muskel-Knochen-Apparat. Und diese beiden Systeme werden dauernd durch ein Drittes, das lebendige Wirken des Stoffwechsels, ernährt und unterhalten. Der Stoffwechsel vollzieht sich in drei Hauptrhythmen, im Ein- und Ausatmen, in der Systole und Diastole des Herzes und des Blutkreislaufes sowie in der Peristaltik der Verdauung, die aus Zusammenziehen und Ausdehnen besteht.
  • Und in diesem Verinnerlichen und Veräußerlichen wirkt das Eigentlichste, das Wesen des Menschen: das Ich-Bin. Es ist die Instanz, der wir unsere Inkarnation verdanken, und sie allein kann das Tor zur spirituellen Dimension unseres Menschseins öffnen, die über alles Erschaffene hinausführt.
  • Erst vom Ich-Bin her kann der Mensch und seine Werktätigkeit verstanden werden. Das Menschenwerk gliedert sich in zwei Hauptbereiche: die Zivilisation und die Kultur.
  • Die Zivilisation umfasst alles, was wir zum Unterhalt unserer irdischen Existenz hervorbringen, also die Wirtschaft, die Technik und auch die Politik. Sie ist unsere Antwort auf die Animalische Dreifaltigkeit. Sie ist Mittel zum Zweck der Kultur.
  • Die Kultur dagegen beinhaltet jene menschlichen Schöpfungen, in denen wir ganz uns selbst gehören, die also Selbstzweck sind. Herkömmlicherweise spricht man in diesem Zusammenhang von Philosophie, Religion, Esoterik, Forschung und Wissenschaft, Spiel und Kunst, auch Sport.

So stellt sich mir der Aufbau einer philosophischen Anthropologie mit spiritueller Dimension dar. Sie ist selbstverständlich a priori nicht nur physisch, sondern ebenso metaphysisch. Unsere ganze Existenz ist metaphysisch-physisch und daher ihrer vertikalen Struktur nach ästhetisch, wenn wir unter dem Ästhetischen dies verstehen, dass sich etwas Meta- oder Überphysisches (Seelisches, Geistiges, Spirituelles) im Physischen offenbart, ohne dass es physisch dingfest gemacht werden kann.

Langue und Parole (frz. Bezeichnung für Sprache und Sprechen)

07. August 2019

Ferdinand de Saussure gilt mit seiner Unterscheidung zwischen langue (Sprache) und parole (Sprechen) als Begründer der modernen Linguistik. Er gliedert die Sprache in folgende Dreiheit: die Signifikanten (lautliche Seite der Sprache, besonders Silben, Worte und Sätze), die Signifikate (inhaltliche bzw. vorstellungsmäßige Seite der Sprache) und die Referenten (die bezeichneten außersprachlichen Gegenstände). De Saussure ist der Wegbereiter des Strukturalismus, der die in schriftlicher Form vorhandene Sprache als geschlosses Zeichensystem betrachtet und auf dieser Grundlage empirisch erforscht. (Zu de Saussure und zum Strukturalismus siehe Achim Geisenhanslüke, Einführung in die Literaturtheorie, Darmstadt 2003, WB, S. 69 ff.)

So sinnvoll die Unterscheidung von Sprache (erfassbarer Bestand der schriftlich vorhandenen Zeugnisse eines bestimmten Sprachgebietes) und Sprechen (aktuelles Bilden von sprachlichen Formulierungen) auch ist, so verhängnisvoll ist die objektivistische Verabsolutierung des Schriftlichen und das Ausblenden des aktuellen Sprechens, das objektiv nicht voll erfasst werden kann, weil es die intimste Manifestationsform des Subjekts ist. Dem sprechenden Subjekt erschließt sich das Menschsein und die Welt in einem offenen, nie endgültig abschließbaren, lebendigen Prozess, der sich rhythmisch entfaltet.

Wir brauchen nur zu beobachten, wie die Kinder sprechen lernen. Sie tun es nicht über die Schrift und das Lesen, sondern über das Zuhören und über die Körpersprache, und je mehr wir in Gesprächen mit anderen und in Selbstgesprächen diesen lebendigen Vorgang üben und pflegen, desto geringer ist die Gefahr, dass wir die schriftliche Form des Verbalen über das Sprechen stellen. - Das Sprechen sprudelt gleichsam aus dem Subjekt hervor, und es besteht im je eigenen Sprechen nie, aber auch wirklich nie der geringste Zweifel darüber, dass ich als Sprechender im Sprechen stets dasselbe Subjekt bleibe. - Der Versuch des Strukturalismus und seiner Fortentwicklung, die Identität des Subjekts aufzulösen, ist eine logische Folge des Sprach-Objektivismus, denn auf der Ebene bloß objektivierter Formen ist ein Subjekt höchstens grammatikalisch, jedoch nicht wirklich und lebendig auszumachen.

Alles Sprechen ereignet sich in einem zeitlichen, rhythmischen Ablauf. Diese Tatsache ist ganz schlicht anthropologisch verankert, denn das Sprechen entfaltet sich auf dem Strom des Ausatmens, das ohne Einatmen gar nicht möglich ist. Rhythmus ist keine endlose lineare Bewegung, sondern wie das Gehen und die manuelle Tätigkeit eine Bewegung, die stets in sich zurückkehrt und immer wieder neu entfacht werden muss. Das gilt für das prosaische Sprechen im Alltag bis hinauf in den Olymp erlesener Lyrik.

Die dichterische bzw. schriftstellerische Äußerung unterscheidet sich in ihren Werken von allem anderen Sprechen dadurch, dass die Formulierung des subjektiven Inhalts nicht pragmatisch, sondern ästhetisch gemeint ist. Das Formulieren im Alltag und in der Wissenschaft dient nur dem Zweck, die zur Rede stehende Sache für die Zuhörer bzw. Leser vermittelbar zu machen. Die Sprache/das Sprechen selbst tritt dabei hinsichtlich ihres/seines Eigenwerts in den Hintergrund. - Die Dichter bzw. Schriftsteller dagegen vermitteln eine Sache, einen Inhalt in je eigener, unverwechselbarer Form. Wir nehmen also mit der Sache, dem Inhalt immer zugleich die individuelle subjektive Eigenart des Sprechenden und damit einen je einmaligen Menschen im Kontext seiner Zeit und Kultur wahr. Die Offenbarung dieses Eigenen, Individuellen ist hier die Intention. (Ästhetisch nenne ich sie, weil sie das überphysische Wesen der Autoren im Physisch-Sinnlichen manifestiert.) Im Alltag und in der Wissenschaft dagegen richtet sich die Intention nur auf die Sache, auch wenn die Formulierung brillant ist. - Mit anderen Worten: Wer als Dichter bzw. Schriftsteller spricht oder schreibt, verwirklicht dabei eine andere Intention als derjenige, der in seinem pragmatischen Alltag oder in der Wissenschaft spricht oder schreibt.

Das Subjekt ist und bleibt die Quelle und seinem Wesen nach das Identische alles Sprechens und Schreibens. Dies zu bestreiten, ist eine Folge objektivistischer Selbstentfremdung und Selbstvergessenheit. Dabei ist doch die ganze Zivilisation und Kultur einzig und allein eine Angelegenheit der sie tragenden Subjekte.

Freilich ist es eine eigene Aufgabe, das Wesen des Subjekts bewusst zu machen. Dabei stoßen wir auf die Not der heutigen Philosophie und Wissenschaft, alles objektivistisch belegen und ableiten zu wollen, weil Metaphysik (also das, was über das Physische hinausgeht) nicht zugelassen ist und als unwissenschaftlich gilt. Das Wesen des Subjekts und des Menschen überhaupt aber ist durch und durch metaphysisch. Wenn wir also das Subjekt erforschen wollen, müssen wir es in einer nach innen gewandten Achtsamkeit erst wahrnehmen lernen. Dabei gewahren wir, dass das Subjekt ein unverrückbares Zentrum hat: das Ich-Bin. Ich formuliere es im Unterschied zur üblichen Rede vom "Ich" in verbaler Form, um darauf aufmerksam zu machen, dass es nie Objekt werden kann. Es wird auch nie Subjekt, es ist vielmehr das nicht subjektivierbare Zentrum des Subjekts, das diesem überhaupt erst seine Identität verleiht, und zwar eine Identität, die in allem Wandel stets dieselbe bleibt. Identität ist sein wahrer Inhalt. Alle anderen Inhalte sind lediglich Spielformen des Ich-Bin, die es im menschlichen Daseinsvollzug nach Belieben sich aneignet und auch wieder verabschiedet.

Und die Inhalte? Wer kann sie wahrnehmen? Es ist das Ich-Bin in seiner für das irdisch-menschliche Dasein grundlegenden Fähigkeit des Denkens. Nur das Denken hat Inhalte (die aus dem ewigen Allgemeinen stammen), und das Denken ist die zuständige Instanz für alles Erkennen und ebenso für alle Werktätigkeit. Auch das Denken ist (seinem Inhalt nach) rein metaphysisch. Die Sinneswahrnehmung ist lediglich die eingeschränkteste Form des Denkens, das in fortwährendem, durch Fragen ausgelöstem Transzendieren immer tiefer in den Allgemeinen Inhalt vordringt.

Zurück zur Unterscheidung von Sprache und Sprechen: Wenn wir uns dessen, was hier über das Sprechen, das Subjekt und die metaphysische Dimension desselben gesagt ist, bewusst sind, dann werden wir uns dem schriftlichen Bestand einer Kultur anders als in objektivistisch selbstvergessener Manier zuwenden.

Hubert M. Spoerri - Wege und Entscheidungen - Erzählungen

31. Juli 2019

Soeben sind meine Erzählungen unter dem Titel "Wege und Entscheidungen" in zweiter, leicht überarbeiteter Auflage im Hierophant-Verlag, Heppenheim, erschienen.

Es handelt sich um zehn Erzählungen, die im Zeitraum von 1962 bis 2015 entstanden sind und die sich, was Umfang, Inhalt und Struktur betrifft, erheblich voneinander unterscheiden.

 

Dilthey, der hermeneutische Zirkel und die Bedeutung der literarischen Werke

17. Juli 2019

Wilhelm Dilthey (1833-1911) war ein deutscher Theologe, Gymnasiallehrer und Philosoph. Er spielte in der Geschichte der Hermeneutik (Auslegungs-kunst) zwischen Friedrich Schleiermacher und Martin Heidegger eine schlüsselhafte Rolle im Bemühen, das Spezifische der Geisteswissen-schaften im Gegensatz zu den Naturwissenschaften auf lebensphilosophische und zugleich psychologische Weise zu begründen, indem er die Divination als das Nachfühlen fremder Seelenzustände zum Spezifikum der Geisteswis-senschaften erklärte. - Dabei bemerkte er die Zirkelhaftigkeit des Ver-stehens und formulierte sie im Hinblick auf literarische Texte: "Aus den einzelnen Worten und deren Verbindungen soll das Ganze eines Werkes verstanden werden, und doch setzt das volle Verständnis des Einzelnen schon das des Ganzen voraus." (Geisenhanslüke, Einführung in die Litera-turtheorie, Darmstadt 2003, WB, S. 49-50)

Es ist viel über diesen Zirkel gesagt worden. Heidegger hat ihn sozusagen positiv im Sinne seiner Philosophie umgedeutet. - Ich selbst betrachte diesen Zirkel ganz nüchtern und stelle fest: Eigentlich formuliert er eine Banalität, denn jeder Interpret eines Literarischen Werkes muss als selbstverständliche Voraussetzung dasselbe erst einmal in seiner Ganzheit gelesen haben und, sofern die Interpretation wissenschaftlich sein soll, noch vieles dazu. Das dialektische Verhältnis von einzelner Textstelle und Textganzem spielt sich immer schon auf der Grundlage der mehr oder weniger klaren und differenzierten Kenntnis des Textganzen ab und besteht aus einem fortwährenden, nie endgültig abschließbaren Austarieren zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen. - Das gilt übrigens auch schon für das erste Lesen. Bereits der Titel des Werkes und Hinweise des Verlages geben uns ein erstes Verständnis des Ganzen. Im übrigen kann man, weil ja das Werk vollständig vorliegt, beliebig darin blättern und zum Beispiel das Ende vorweg lesen, um zu erkunden, worauf beispielsweise ein Romangeschehen hinausläuft.

Das Faszinosum der literarischen Werke (und überhaupt der Kunstwerke) besteht darin, dass sie, soweit überliefert, als Ganzes unveränderlich konservierbar sind. Das hebt sie aus der Geschichtlichkeit unseres Daseins heraus, das für uns nie als Ganzes gegeben ist, sondern in einem zeitlich offenen, unabschließbaren Vollzug gelebt werden muss. Alles was uns jemals in diesem irdischen Dasein zu leben gelingt, bleibt letztlich Bruchstück, das, soweit überliefert, erst für unsere Nachfahren, aber nicht für uns selbst abgeschlossen ist.

Im Gegensatz zur unveränderlich konservierbaren Gestalt der literarischen Werke unterliegt jedoch deren Interpretation den Bedingungen unserer Geschichtlichkeit. Das ist der rezeptionsästhetische Aspekt der Literatur. - Niemand wird beispielsweise Goethes Epos Hermann und Dorothea oder Tiecks Roman Franz Sternbalds Wanderungen oder Stefan Georges Gedichte heute so lesen, wie es die Zeitgenossen dieser Autoren getan haben. Dorothea ist noch ganz ins damalige patriarchale Verständnis der Frau eingebettet, und Sternbalds romantische Kunstschwärmerei entspricht dem heutigen Lebensgefühl ebensowenig wie die posenhafte elitäre Kunstreligion in den Gedichten Stefan Georges. - Wir können zwar in diese Werke der Vergangenheit eintauchen, aber wir tun es a priori im Bewusstsein einer im Vergleich mit jenen Autoren differenten Geschichtlichkeit, indem wir von unserem ganz anderen Standort auf jene Zeiten zurückblicken. Gerade im Gegensatz zu ihnen entdecken wir an ihren Werken unser heutiges Anderssein.

Die Werke der Literatur (und der Kunst überhaupt) sind wertvolle Zeug-nisse des Menschseins in ihrer Zeit und unter diesem Gesichtspunkt un-überholbar. Sie machen uns den Reichtum des Menschseins bewusst, wie er sich im Laufe der Geschichte manifestiert hat. Damit ist nicht ein teleologisches Verständnis der Geschichte gemeint. Es geht um die Facetten, die verschiedene Epochen und Kulturen zu diesem Reichtum beigetragen haben.

Geschichtlichkeit in dem von mir hier vertretenen Sinn ist trotz ihrer Relativität kein Relativismus, denn auch in der Geschichte gibt es eine unverrückbare Konstante, nämlich die der zeitlichen Reihenfolge, die unaufhebbar ist. Wir leben nun einmal definitiv nach der Antike, nach dem Mittelalter, nach dem 18. und sogar nach dem 20. Jahrhundert und können auf diese Zeiten nach Maßgabe der uns zur Verfügung stehenden Quellen zurückblicken, nicht jedoch umgekehrt. Daher ist der Horizont an Erfahrungen, Erkenntnissen und Hervorbringungen jeder zurückliegenden Epoche für uns die zentrale Instanz des deutenden Einstiegs in das damalige Leben der Menschen.

Intertextualität in meinen Werken

07. Juli 2019

Soeben habe ich neu unter der Rubrik "Belletristik / Gedanken zur Literatur" meinen Aufsatz "Intertextualität in meinen Werken" in meine Web-Seite gestellt.

Unter Intertextualität versteht man in der Literatur- und Kulturwissenschaft die unhintergehbare Tatsache, dass jeder Text, den ein Dichter/Schriftsteller verfasst, ausgesprochen oder unausgesprochen auf Texte verweist, die seinem jeweiligen Werk vorangegangen sind.

Ich spürte der Interextualität in meinen Erzählungen und Romanen nach und entdeckte dabei vieles, das mir nur zum Teil noch bewusst war.

Anna Gien & Marlene Stark - M - Roman

24. Juni 2019

Dieser Roman ist 2019 erschienen. Anna Gien, geb. 1991 in München, studierte Kultur- und Kunstgeschichte. Marlene Stark, geb. 1985 in Ellwangen, studierte Malerei. - Die Geschichte, falls es überhaupt eine ist, bewegt sich hauptsächlich in Berlin-Neukölln, auch in der bayrischen Provinz und als Abstecher in Tel Aviv. Die Neuköllner Szene mit ihren öffentlichen und privaten Disco-Kneipen, mit Rock- und Pop-Musik und DJ-Tätigkeit entfaltet ihr nächtliches Treiben getränkt von Alkohol, Nikotin, Rauschgift und Sex. Da wird nicht nur gekokst, viel zu viel getrunken, geraucht und zu Discomusik getanzt, da werden auch immer wieder Muschis geleckt, Schwänze gesuggelt und Männerarschlöcher von Frauen mit Hilfe von Dildos durchgepflügt. - Die Entwicklung der Hauptfigur, einer jungen Frau und Künstlerin namens M, kann am ehesten im bayrischen Kapitel nachvollzogen werden, hebt sich aber sonst kaum von den anderen Figuren ab. (Sie wird lediglich mit M benannt, weil Namen nichts besagen wollen.)

Eine große Rolle spielen, was die Interaktion der Personen betrifft, die elektronischen Medien mit Internet, Smartphone, sozialen Netzwerken, Chats, Skype und dergleichen. Wer eine Einführung in alle damit verbundenen Fachausdrücke bzw. Abkürzungen braucht, kann dies mit der Lektüre dieses Buches verbinden. - Der Stil der Autorinnen ist schlicht und nüchtern, bevorzugt kurze Sätze und Wendungen und bleibt fast durchwegs ganz an der Oberfläche der Dinge und Menschen haften, dies auch dann, wenn es um Kunst, zum Beispiel eine Austellung, geht. Man kann als LeserIn, soweit man nicht derselben Szene wie die Autorinnen angehört, gar nicht richtig eintauchen, weil die Textsequenzen viel zu fragmentarisch und zerhackt, oft auch unklar sind und einfach keinen richtigen Zusammenhang bilden, ohne den Literatur sinnlos ist. Ist das nicht literarischer Szenenautismus? Literatur hat aber unter anderem die Aufgabe, ein bestimmtes Milieu auch jenen zugänglich zu machen, denen es von ihrem Leben her nicht vertraut ist.

Wer die Kunstgeschichte der Moderne ein wenig kennt, weiß, dass schon damals die Dreiheit von Alkohol, Rauschgift und Sex eine große Rolle spielte und in unserem materialistischen Zeitalter oft genug als Inspirationsersatz diente. Die menschliche Kultur ist im Wesentlichen nicht durch das hemmungslose Ausleben von animalischen Trieben und Süchten entstanden, sondern durch Spiritualität, Wissensdurst, Willensstärke und Disziplin, mit der häufig auch Triebverzicht verbunden war. Das Eigentliche des Menschseins ist vom Animalischen nicht ableitbar. Wenn das nicht elementar erfahren werden kann, bleibt das Leben, menschlich gesehen, leer, wie es auch dieser Roman ist.

Theodor Fontane - Der Stechlin - Roman

19. Juni 2019

Theodor Fontane (1819-1898) war zuerst Apotheker, verbrachte seine Dienstzeit als Grenadier in Berlin und machte eine Urlaubsreise in England. Er kam erst nach und nach zur Literatur, war 1852 Berichterstatter der Preußischen Zeitung in London. Ein mehrjähriger Englandaufenthalt folgte. Auch Frankreich- und Italienaufenthalte kamen dazu, ehe er 1876 Sekretär der Akademie der Künste in Berlin und freier Schriftsteller wurde. Als urbaner Erzähler und Balladendichter vollendete er den deutschen Spätrealismus. Er entdeckte die Schönheit der Mark Brandenburg. Erst im Alter von 60 wandte er sich dem Roman zu.

"Der Stechlin" ist Fontanes letztes Werk. Der Titel ist zugleich der Name eines Sees und des Grafen Dubslav. Es ist ein Gesellschaftsroman, der im Märkischen und in Berlin spielt. Im Mittelpunkt stehen Graf Stechlin, dessen Schwester und Stiftsdame Adelheid, dessen Sohn Woldemar und seine militärischen Freunde Rex und Czako sowie Pastor Lorenzen, der Erzieher Woldemars und Freund des Hauses Stechlin, auf der einen, die in Berlin wohnende Familie Barby mit dem alten Grafen und seinen zwei Töchtern Melusine und Armgard auf der anderen Seite. In beiden Familien sind die Mütter frühzeitig gestorben, weshalb die beiden alten, von Gebrechen geplagten Grafen mit ihren Kindern allein leben.

Außer dem Landadel würdigt Fontane die einfachen Menschen im dörflichen wie auch im städtischen Milieu. Das Bürgertum ist demgegenüber schwach vertreten, und die Sozialdemokratie taucht nur als Schreckgespenst am Horizont auf. Der junge Rittmeister Woldemar von Stechlin verkehrt in Berlin im Hause Barby, offensichtlich von den zwei Töchtern angezogen. Melusine, die ältere, ist schön, erotisch und geistreich, die jüngere Armgard im Vergleich mit ihr eher etwas steif und herb. Eigentlich scheint es naheliegend, dass Woldemar sich mit Melusine verbinden wird. Doch schließt er den Bund fürs Leben mit Armgard. - Diese überraschende Entscheidung stellt Fontane einfach so hin, ohne sie psychologisch aus den beteiligten Personen zu vermitteln. Eine eindeutige Schwäche des Plots, die noch dadurch unterstrichen wird, dass Woldemar seit seiner Verlobung im Gegensatz zu vorher keine nennenswerte Rolle mehr spielt.

Am Ende stirbt der alte Stechlin, während sein Sohn Woldemar mit Armgard auf der Hochzeitsreise in Süditalien unterwegs ist, so dass die Trauerfeier ohne die beiden, die erst etwas später davon erfahren, abläuft. Woldemar nimmt bald nach seiner Rückkehr aus Italien den Abschied vom Militär und zieht mit seiner jungen Frau auf dem Schloss Stechlin ein. Das wird allerdings nur noch summarisch kurz berichtet.

Das ganze Romangeschehen entwickelt sich in der Form von Gesprächen und Konversationen unter den Beteiligten. In diesen mit viel echtem Witz und Humor und trefflicher Charakteristik der Personen durchsetzten Gesprächen und Plaudereien spiegelt sich der politisch-geschichtliche und der Bildungshorizont, wobei die Malerei reichlich zu Wort kommt, sowie die Einstellung zum Leben im Rahmen des preußisch geprägten protestantischen Christentums mit seinen Facetten. Ein intimer Einblick in die Zeit der 1890er Jahre, wobei deutlich wird, wie sehr Preußen in seiner ganzen gesellschaftlichen Verfassung ein Militärstaat war. Es ist im Vergleich mit heute eine noch sehr enge, von vielen Vorurteilen und gesellschaft-lichen Erblasten geprägte Welt. Nur die Eloquenz der Hauptakteure ist uns Heutigen mindestens ebenbürtig.

Theodor Storm, Der Schimmelreiter - Novelle

06. Juni 2019

Theodor Storm (1817-1888), Sohn eines Advokaten aus alter Patrizierfamilie in Husum, besuchte das Gymnasium in Lübeck und studierte Jura in Kiel. Er wurde zunächst von den Dänen aus der Heimat vertrieben, doch wurde er 1867 Landvogt im politisch nun deutsch gewordenen Husum. Er war Lyriker und mit seinen 58 Novellen einer der großen deutschsprachigen Erzähler seines Jahrhundert

Storms "Schimmelreiter" ist insofern auch heute noch interessant, als dieses Werk - Storms letztes - einen authentischen Einblick in das damalige herbe Dasein der Nordfriesen und ihren dauernden Kampf mit der sturmreichen Nordsee vermittelt. Der Werdegang des Deichgrafen Hauke Haien, der sich anhand eines alten Buches Euklids Geometrie selbst beibringt und auf diese Weise neue Einsichten bezüglich des Deichbaus entwichelt, wird durch günstige Umstände Nachfolger des alten Deich-grafen, dessen Tochter er ehelicht. Sein erfolgreicher Kampf für einen neuen, verbesserten Deich und sein schließlicher Untergang werden dramatisch geschildert. Dabei spielen auch Spuk und Aberglauben sowie das seinerzeitige örtliche Chris-tentum kräftig mit hinein.

Für mich ist es lehrreich zu sehen, wie stark die ganz in die Naturgewalten eingebundenen Menschen früherer Jahrhunderte vom Kampf ums tägliche Überleben absorbiert wurden. An höhere Kultur und individuelle persönliche Entfaltung war gar nicht zu denken, weshalb denn auch das Christentum lediglich einen nicht hinterfragten passenden Rahmen für solch eingeschränktes Dasein bildete. Das unromantische Verhältnis der Geschlechter war angesichts dieser Lebenslage nur an der Lebenssicherung und Fortpflanzung orientiert und daher wohl zwangsläufig patriarchal.

Marciniak setzt das Dogma der Empirie außer Kraft

01. Juni 2019

In den 1990er Jahren und darüber hinaus las ich viel im Umkreis zeitgenössischer Esoterik, um nach Anregungen Ausschau zu halten. Aufsehen erregte damals das Buch "Boten des Neuen Morgens - Lehren von den Plejaden" von Barbara Marciniak. Dieses gechannelte Werk enthält eine Menge verschiedener Äußerungen, von denen die meisten für mich nicht interessant sind, aber auch einige hochbrisante Passagen, die mir sehr wichtig waren und sind, weil sie sich mit dem Ansatz des Mental-trainings decken.

Wir können unser Denken auf zwei unterschiedliche Arten einsetzen, einmal als Betrachtende, als Zuschauer, welche die vorhandene Realität wahrnehmen und untersuchen, um sie zu erkennen. Der Weg führt hier von außen nach innen, von den Sinneswahrnehmungen zu den Begriffen. Den anderen Weg gehen wir als Handelnde, als Manifestierende, welche neue, bislang noch nicht vorhandene Realitäten erschaffen. Wir bilden jeweils eine Zielvorstellung, die wir dann mit den uns zur Verfügung stehenden Werkzeugen realisieren. - In der Regel werden dabei nur äußere, physische Werkzeuge in Betracht gezogen. Das Mentaltraining und Marciniak jedoch lehren, dass wir ebenso durch den bloßen gezielten, durch Emotionen verstärkten Einsatz von Gedanken neue Realitäten manifestieren können.

Hier setzt Marciniak also an. Ich zitiere aus Kapitel 11, "So bestellt man eine Realität": "Zuerst kommt der Gedanke. Erfahrung ist immer sekundär. Es ist nie umgekehrt - dass ihr zuerst die Erfahrung macht und dann den Gedeanken darauf aufbaut. Immer erfahrt ihr eine direkte Entsprechung eurer Gedanken."

Diese Aussage gilt für den Handelnden, Manifestierenden, nicht aber für den Betrachtenden, den Zuschauer, der ja von der Erfahrung der vorhandenen Realität ausgeht. - Man kann freilich geltendmachen, dass auch im Falle des Betrachtens immer zuerst der Gedanke kommt, weil wir Realität nur im Rahmen bereits erworbener gedanklicher Grundmuster wahrnehmen. Diese Grundmuster stellen vor allem fest, dass das sinnlich Wahrgenommene in objektiver Form erfahren wird und etwas prinzipiell Anderes als das wahrnehmende Subjekt ist, ferner dass die vielen wahrgenommenen Tatsachen sich voneinander unterscheiden lassen. - Die Grundmuster betreffen folglich nur den methodischen Rahmen und sagen inhaltlich nichts im Einzelnen über das sinnlich Wahrgenommene aus. - Deshalb stelle ich fest: Hier gilt der Satz von Marciniak nicht, sie hat ihn auf pauschale, nicht alles abdeckende Art ausgesprochen.

Jetzt zum besonderen Ansatz Marciniaks: "Eure Gedanken bilden zu jeder Zeit eure Welt. ... Sagt euch: <Was möchte ich? Ich möchte meine persönliche Entwicklung beschleunigen. Ich möchte, dass mich die Geistige Welt in größerem Maße unterstützt. Ich möchte, dass mein Körper sich selbst regeneriert. Ich möchte Gesundheit ausstrahlen. Ich bin bereit, Schwierigkeiten aufzugeben, damit ich als Beispiel dessen leben kann, was die Menschheit kann.> Diese Art des Denkens - dieses Befehlen aus eurem Inneresten heraus und dieses klare Aussprechen eurer Wünsche - bringt alls in Bewegung." - Wenn es sich so verhält, dann sind wir es selbst, die unsere Realität erschaffen, dann können wir keine andere Instanz dafür verantwortlich machen. Deshalb fordert Marciniak dazu auf: "Beginnt, euch zu sagen: <Ich werde die Verantwortung für alles übernehmen, was mir zustößt."

Was Marciniak hier an Wünschen ausspricht, sind Anliegen, die nicht mit Hilfe physischer Werkzeuge verwirklicht werden können. Nur die Magie der Gedanken kann diese Vorhaben realisieren. Die Gedankenmagie steht denn auch im Zentrum des Mentaltrainings. Die möglichst klar gefassten und formulierten Gedanken mit voller Entschiedenheit auszusprechen und in die Realität zu rufen, vergleicht die Autorin mit einer Bestellung im Restaurant. Der Gast studiert die Speisekarte und bestellt das Gewünschte. Dann freut er sich und wartet, bis es geliefert wird, ohne dass er etwas dazuzutun braucht. Mit anderen Worten: Das Universum liefert dauernd, was wir bestellen, und wir bestellen permanent, ohne dass es uns bewusst zu sein braucht. Deshalb bilden die Klärung der eigenen Wünsche und die Beseitigung von Mustern, die der Erfüllung entgegenstehen, den Schlüssel zum Erfolg.

Das Ende des erwähnten Kapitels bringt ein Konzentrat dessen, worauf es ankommt: "Denkt daran, wenn ihr die Spielregeln lernt - ihr seid ein Ergebnis des Denkens, und in eurem Universum ist das ein Gesetz -, dann braucht ihr nur zu denken, wie ihr sein wollt, und ihr werdet so sein. Sobald ihr das erkannt habt, könnt ihr euren Körper ebenso gestalten wie euer Alter, und ihr könnt alles an euch in Ordnung bringen, denn ihr werdet selbstmotiviert, durch euch selbst ermächtigt und von euch selbst erschaffen sein."

Gary Shteyngart, Willkommen in Lake Success - Roman

21. Mai 2019

Der Autor, geboren 1972 als Sohn jüdischer Eltern in Leningrad, kam im Alter von sieben Jahren in die USA und wurde ein amerikanischer Bestseller-Autor. "Willkommen in Lake Success" erschien zuerst 2018 und 2019 in deutscher Übersetzung beim Penguin Verlag. Das Werk ist erst nach umfangreichen Recherchen in Bezug auf die Finanzwelt, die Lebensart der New Yorker Superreichen, die Behandlung von autistischen Kindern und die Welt der Greyhound-Busse möglich geworden. Es ist gut geschrieben, in 14 Kapitel gegliedert und neben dem Hauptstrang des Plots von vielen zum Teil schrillen Episoden durchsetzt.

Barry Cohen - ein schwergewichtiger Hedge-Fonds-Manager mit einer zwölf Millionen teuren, eine ganze Etage umfassenden Wohnung in einem New Yorker Wolkenkratzer - ist mit Seema, einer attraktiven Juristin indischer Abstammung, verheiratet. Die beiden haben, was in ihrer Gesellschaftsschicht als Katastrophe gilt, einen autistischen Sohn namens Shiva, der, obwohl sie das Beste zu machen versuchen, ihre Ehe belastet.

Der Roman beginnt, als Barrys Hedge-Fond wie auch seine Ehe in die Krise geraten sind. Nach einem Krach zu Hause ergreift der Finanzhay die Flucht und beginnt an einem Busbahnhof Manhattens eine Reise im Greyhound quer durch Amerika, wobei er vor der Abfahrt mit seinem Rollkoffer, in dem er sechs seiner wertvollen Uhren mitführt, sein Smartphone in einen Abfalleimer wirft.

Die Struktur des Romans weist zwei Grundzüge auf. Erstens ist die fortlaufende Erzählung von vielen Rückblenden durchsetzt, und zweitens wechseln die Schauplätze zwischen Barrys durch die USA führender Reise und Seemas sich entwickelnder Situation in New York. Seema fängt mit Luis, einem Bewohner desselben Wolkenkratzers wie die Cohens, nach und nach eine Beziehung an, die freilich ebenso wie das meiste in diesem Roman in die Brüche gehen wird.

Die Greyhound-Tour macht den steinreichen Barry mit den unteren Schichten der amerikanischen Bevölkerung hautnah bekannt, was zahlreiche oft schrille Episoden mit sich bringt. (Der Autor hat die Greyhound-Fahrt selbst gemacht, um das alles kennenzulernen.) Unser Held geht mit echter Neugier auf diese Verhältnisse ein, wird aber nie die moralische Konsequenz für sich und sein Treiben am Finanzmarkt daraus ziehen. Auch Barry hat übrigens, jedoch nicht wie sein Sohn, autistische Züge, was sich an seinem geradezu pathologischen Uhren-Tick zeigt. Seine Büroleiterin Sandy und die Verunsicherung durch Trumps Aufstieg spielen in die 2016 abrollende Geschichte mit hinein. - Anzumerken ist außerdem, dass der bereits erwähnte Luis, ein Schriftsteller, und dessen Partnerin Julianna, eine Ärztin, ein Kind namens Arturo haben, welches für sein Alter unglaublich aufgeweckt ist und den perfekten Kontrast zum behinderten Shiva bildet. Die Szenen mit Shiva nehmen einen ziemlichen breiten Raum ein. - Im übrigen gibt es viele Nebenfiguren wie Seemas indische Eltern, auch Kollegen aus der Finanzbranche und Mitreisende im Greyhound, die hier nicht erwähnt werden können.

Die Stationen von Barrys Reise sollen jetzt der Leitfaden sein. In Baltimore übernachtet er im Holiday Inn Express und macht seine Erfahrungen in dieser Stadt, während in New York sich die Beziehung seiner Frau mit Luis anbahnt. So gerät er zu Fuß in ein heruntergekommenes Viertel und schließt mit dem Drogen-Dealer Javon Bekanntschaft. Als er auschecken will, überrascht ihn seine Büroleiterin, die ihn angesichts der Krise seines Fonds aufgrund seiner Bank-Card aufgespürt hat. Mit knapper Not entrinnt er ihr, wirft, nachdem er Bares abgehoben hat, die Karte weg und fährt weiter nach Richmond, wo die Eltern seiner Studentenliebe Layla wohnen. Er sucht sie auf und darf bei ihnen übernachten. Doch auch hier taucht seine Büroleiterin Sandy auf und erwähnt die Möglichkeit einer Zwangsvorladung durch die Börsenaufsicht. Wieder entkommt Barry ihr, diesmal mit Hilfe seiner Gastgeber.

Dann besucht er in Atlanta Jeff Park, einen ehemaligen Mitarbeiter, den er seinerzeit ziemlich cool entließ. Jeff wohnt in einem grandiosen Luxus-Appartement und operiert von dort aus erfolgreich an der Börse. Er nimmt Barry großzügig auf. Es folgen schöne Tage, doch als der Gast wegen seines schwindenden Bargeldes um einen Überbrückungskredit bittet, verweigert Jeff denselben mit dem Hinweis auf Barrys rücksichtslose Finanzgeschäfte. An Jeffs Computer hat Barry auch ermittelt, wie es um seinen Fond steht.

Auf der Weiterfahrt lernt er eine hübsche junge Schwarze namens Brooklyn kennen, die ihn zum Hotel, wo sie arbeitet, mitnimmt und mit ihm die Nacht verbringt. Am nächsten Tag ist sie verschwunden, aber die Übernachtung kostet ihn nichts. Sonst wäre er pleite gewesen. So geht es weiter Richtung El Paso, wo Layla wohnt und als Professorin an der dortigen Uni arbeitet. Sie empfängt ihn kühl, doch mit hartnäckigem Werben gelingt es ihm, dass sie ihn wieder zu sich ins Bett nimmt. Er glaubt das Ziel seiner Sehnsucht erreicht zu haben, kümmert sich rührend um den kleinen Sohn der geschiedenen Layla, besucht ihre Vorlesung und macht mit ihr und ihren Studenten einen Auslug ins nahe Mexico, wobei Trumps Wahlkampf den bedrohlichen Hintergrund dieser Wochen bildet. Doch bald scheitert Barrys Wiederanknüpfungsversuch. Auf der Weiterfahrt Richtung La Jolla (San Diego) wird ihm sein Rollkoffer mit den geliebten Uhren gestohlen. Er besitzt nichts mehr, sammelt als Bettler am Straßenrand Geld und wird das Grab seines Vaters mit viel Glück und abstrusen Erlebnissen tatsächlich erreichen.

Eine Woche später wird Barry von der Börsenaufsicht verhört. Er kommt nicht ins Gefängnis, sondern wird zu 4,5 Millionen Buße verdonnert, was er gut verkraften kann. Das Leben geht weiter. Er trifft sich wieder mit seiner Frau Seema, die sich aber trotz freundlicher Begegnung brutal scheiden lässt und nach einiger Zeit einen Professor indischer Abstammung heiratet. Barry seinerseits macht wieder erfolgreiche Geschäfte und zieht sich in sein Haus am Hudson zurück, um sich seiner Leidenschaft für besondere Armbanduhren zu widmen.

Den Schluss bildet die Bar-Mizwa von Barrys Sohn Shiva und eine versöhnliche Wiederbegegnung mit Seema. Doch fortan lebt er allein. Er hat kein Talent für die partnerschaftliche Liebe. Schließlich repariert er eine besondere Uhr als Geschenk für seinen autistischen Sohn.

Fazit: Der Roman ist gut geschrieben und sehr abwechslungsreich. Es gibt aber unglaubhafte Stellen, so besonders die Episode mit der jungen Brooklyn, und öde Längen, so den funktionslosen Ausflug mit Layla und deren Studenten in die gefährliche mexikanische Grenzstadt Ciudad Juárez. Auch dass Barry sein Smartphone und die Kreditkarte wegwirft, überzeugt nicht. Er hätte das Handy ja ausschalten und die Karte nur minimal benützen können. - Außerdem ist der Text mit Fachausdrücken von Kleidermarken und Firmen, mit dem Erwähnen besonderer Gerichte, seltener Weine und sonstiger Getränke sowie mit einer Unmenge amerikanischer Modewörter (die leider nicht sinnvoll übersetzt wurden) überlastet und bringt die Lektüre für nichtamerikanische Leser häufig ins Stocken.

Entscheidend aber ist, dass es sich bei den Personen des Plots um eine total in Äußerlichkeiten gefangene Lebensart handelt, die über keine echte Innerlichkeit verfügt und deren Morallosigkeit ebenso trostlos und hohl wie die zahlreichen geschilderten sexuellen Begegnungen wirkt. Wohlverstanden: Ich kritisiere nicht sexuelle Praktiken, sondern die Tatsache, dass infolge eines blinden Egoismus und fehlender Empathie die echte Würdigung und Wertschätzung der Partner fehlt. - Es gibt immerhin ansatzweise ein paar Ausnahmen wie die Eltern Laylas, Brooklyns Verhalten und ein paar rührende kleine Episoden. 

Am Schluss darf man sich fragen, ob dieser Roman für die USA repräsentativ ist. Ich hoffe nicht.

Gustav Freytag - Soll und Haben - Roman

15. Mai 2019

Gustav Freytag, ein realistischer deutscher Erzähler des 19. Jahrhunderts, lebte von 1816-1895. "Soll und Haben" erschien 1855, also wenige Jahre nach dem Revo-lutionsversuch von 1848/49, der von der polnischen Seite her drastisch in das Romangeschehen eingreift. - Der Autor, Dr. phil. der german. Philologie, wurde 1839 Privatdozent, stellte aber 1844 seine Vorlesungen ein und widmete sich zunehmend der schriftstellerischen Tätigkeit, wurde 1848 Redaktor einer wichtigen nationalliberalen Zeitschrift und auch als Abgeordneter politisch tätig.

Freytag schrieb zuerst Gedichte und Dramen, wechselte aber dann zum gut gebauten, realistischen Zeitroman im Gefolge von Dickens. "Soll und Haben" verherrlicht den Kaufmannsstand als Element des aufstrebenden Bürgertums voller Arbeitsethos und Fortschrittsglaube, hat also eine volkspädagogische Dimension. Freytag wurde der Lieblingsautor des deutschen Bürgertums im 19. Jahrhundert. Er äußerte sich auch zur Theorie des Dramas, die er in seinen Erzählungen umsetzte.

Der Roman zeichnet sich durch gut nachvollziehbare Inszenierung, lebendige Dar-stellung der Charaktere, stimmungsvolle Naturschilderungen und spannungsgeladene Auseinandersetzungen aus und vermittelt eine erstaunliche Fülle an detaillierten Einblicken in das Leben der Kaufleute und auch des Landadels jener Zeit. - Im Mittelpunkt steht Anton Wohlfahrt, der früh seine Eltern verliert, aber durch glückliche Umstände in Breslau, der Hauptstadt Schlesiens, eine Stellung im Handelshaus Schröter erhält und dort schon früh aufsteigt. Sein Leben wäre gradlinig verlaufen, wenn nicht zwei Menschen ihn auf andere Wege gelockt hätten, zum einen die schöne junge Lenore von Rothsattel, der er auf seinem Weg nach Breslau zufällig begegnet und die fortan das Sehnsuchtsbild in seinem Herzen ist, zum anderen der aus Amerika herübergekommene welterfahrene, exzentrische Adlige von Fink, der sich mit dem bürgerlichen Anton befreundet und ihm den Zugang zur Tanzstunde mit den Töchtern des Landadels vermittelt. Und unter diesen Töchtern befindet sich Lenore.

Den Gegenpol zum quirligen von Fink, der bei Schröter als Volontär arbeitet, bilden der Prinzipal des Hauses und dessen Schwester Sabine. Und der Gegenpol zu den soliden Kaufleuten sind die Juden Ehrenthal und der mit Anton aus der Provinz nach Breslau gekommene Veitel Itzig. Diese beiden bedienen das Kapitalbedürfnis des Freiherrn von Rothsattel, was mit dessen Bankrott endet. Sie selbst gehen am Ende an ihren betrügerischen Machenschaften zugrunde. - Als von Fink von einem abenteuerlichen Aufenthalt in den USA wieder zurückkehrt, erwirbt er mit Hilfe Antons das Anwesen der Rothsattels unter dramatischen Umständen und heiratet schließlich die schöne Lenore, wogegen Anton, der sich inzwischen von der Lei-denschaft zu Lenore gelöst hat, zur Firma Schröter zurückkehrt und die feine Sabine, die Schwester des Prinzipals, ehelicht. - Soweit der Hauptstrang des Plots, in den eine Reihe von Nebenschauplätzen mit Personen im Umfeld der Hauptakteure eingebaut sind.

Wer einen konkreten Einblick in die deutschen Verhältnisse vor dem Entstehen des Wilhelminischen Kaiserreichs gewinnen will, ist mit diesem Roman gut bedient.

Verstand - Vernunft - Humor - Weisheit

05. Mai 2019

Der Verstand beschränkt und richtet sich auf das Endliche, denkerisch Verwaltbare, Er ist in diesem Sinne ein zuverlässiger, humorloser Bürokrat. - Die Vernunft dagegen ist zum Ewigen, Unendlichen hin offen. So ist der Humor das Lachen der Vernunft, man könnte auch sagen, das Lachen der Weisheit, denn ohne diese Art von Vernunft gibt es keine Weisheit.

Constanze Kurz/Frank Rieger, Cyber War - Die Gefahr aus dem Netz

20. April 2019

Dieses 2018 bei C. Bertelsmann in München erschienene, in acht Kapitel gegliederte Buch ist sehr fachkompetent und in den Grundzügen auch für den Laien verständlich.

Die Autoren gehen von der kaum bestreitbaren Tatsache aus, dass das Internet und die an dasselbe angeschlossenen Geräte längst zu einem weltweiten Schlachtfeld geworden sind, auf dem eine schwer entwirrbare Verquickung von Software-Produzenten, staatlichen Geheimdiensten, IT-Konzernen, Sicherheits-Firmen, Hackern und Konsumenten besteht.

Die Autoren beschreiben die Sicherheitslücken von Software-Produkten und ihre Ursachen, die Angriffswerkzeuge der Schnüffler und Überwacher, die Schwierigkeiten mit der Identifikation der Akteure, die Desinformations- und Einflussoperationen, die mangelnde Ausbildung der Informatikstudenten, die insgesamt fatale Auswirkung dieser Verhältnisse auf die Freiheitsrechte der Bürger und formulieren am Schluss Vorschläge, wie dieses ganze System sicherer und vertrauenerweckender gestaltet werden kann.

Heute ging durch die Nachrichten ein Gesetzesvorhaben Russlands, welches ermöglichen soll, dieses Land vom weltweiten Netz abzukoppeln, um Einflüsse und Angriffe von außen zu verhindern. Einerseits verständlich, anderseit aber fragt es sich, was dieses Vorhaben im Hinblick auf die Nutzer in Russland für Auswirkungen haben dürfte. - Ursprünglich wurde das Internet als ein großer Freiheitsraum gefeiert. Heute ist davon wohl nicht allzu viel übriggeblieben.

Die Lektüre dieses Buches ist ein Gewinn und trägt zur unerlässlichen Bewusstseinsbildung auf diesem Gebiet wesentlich bei.

Gustav Hillard, "Kaisers Geburtstag" - Berliner Roman

10. April 2020

Wie die beiden vorangehend besprochenen spielt auch dieser Roman noch  vor dem 1. Weltkrieg, in der Spätzeit des Wilhelminischen Reiches. - Gustav Hillard (1881-1972) war ein Kind aus großbürgerlichen Verhältnissen und wurde in Plön mit den Kaisersöhnen erzogen. Er schlug die militärische Laufbahn ein, wurde Major im Generalstab und verließ mit der Niederlage im 1. Weltkrieg das Militär. Er nahm ein Studium - unter anderem beim Geschichtsphilosophen Ernst Troeltsch - auf, wurde Assistent des Theatermannes Max Reinhardt und war mit dem ermordeten Außenminister Walter Rathenau befreundet. Erfüllt von der Größe und Schönheit der Sprache, wandte er sich als Erzähler und Essayist der Literatur zu. Seine Lebenserinnerungen unter dem Titel "Herren und Narren der Welt" geben eine ungewöhnlich interessante, kaum bekannte Details erschließende Innensicht des Wilhelminischen Reiches.

"Kaisers Geburtstag" ist Hillards letzter Roman und erschien 1959 bei Hoffmann und Campe in Hamburg. Man merkt dem Plot die Selbstdisziplin an, die der Autor im Laufe seiner militärischen Karriere erwarb. Jedes der acht Kapitel wird entweder mit einem Stimmungsbild Berlins oder mit kurzen essayistischen Erörterungen eingeleitet. Das Geschehen ist in der arrivierten Gesellschaftsschicht angesiedelt und charakterisiert die Daseinsformen des höheren Bürgertums, der Beamtenschaft, der Intellektuellen und Künstler, des Militärs und des Landadels mit einprägsamer Schärfe.

Im Mittelpunkt steht der bürgerlich-konservative preußische Innenminister Dr. Born, dem es außer seinen politischen Aufgaben darum geht, seinen beiden Söhnen Hans-Jürgen und Walter Born zu einer attraktiven Laufbahn zu verhelfen. Hans-Jürgen ist bereits Leutnant und hat an der Seite des Militärattachés Oberst v. Kalden die Folgen des russisch-japanischen Krieges bei Mukden auf eine Weise kennengelernt, dass sein naiver Glaube an den Sinn des Krieges zerbrach. Mit dieser Hypothek kehrt er zurück und macht - ebenso wie sein jüngerer Bruder - seinem Vater, der doch nur das Beste für ihn will, Sorgen. - Hans-Jürgen lernt die Schriftstellerin Alice Perfuchs und das mit ihr verbundene intellektuelle und künstlerische Milieu kennen und gerät in den Sog dieser Frau, die ihn in den Augen seiner Kreise kompromittiert. Schließlich ergreift er die Flucht und geht als Sanitäter in den Kolonialkrieg gegen die Aufständischen in Südwestafrika, wo er ums Leben kommt. Darüber zerbricht sein Vater, stirbt unerwartet und plötzlich. Bei seiner Bestattungsfeier im Dom ist sogar der Kaiser anwesend.

Der Autor schildert mit profunder nicht nur gesellschaftlicher, sondern auch menschlicher Kenntnis die verschiedensten Milieus: das Militär, das Ministerial-beamtentum, die Welt der Pferderennen, das Vergnügungslokal für junge Leutnants mit seinen käuflichen Mädchen, das große Vergnügungsareal des Lunaparks, den Zirkel um die Schriftstellerin Alice Perfuchs, die Welt der Klubs und Empfänge, das Leben des Landadels und auch die Eigentümlichkeit der Lutherischen Kirche. Dabei führt er uns in zahlreiche Lokale, durch viele Straßen und Plätze, die heute (zum Teil unter anderem Namen) alle noch existieren, obwohl ein großer Teil der damaligen Gebäude zerstört wurde. Man erlebt einen bunten Strauß unterschiedlich-ster Menschen im rasch expandierenden Kaiserlichen Berlin und taucht intensiv in eine untergegangene Welt ein. Dabei stellt sich die Frage, ob die Zeit Kaiser Wilhelms II. wirklich so war, wie sie heute gesehen wird.

Ich kann die Lektüre dieses Romans nur empfehlen. Sie bereichert einen und macht bewusst, auf welchem historischen Untergrund die heutigen Deutschen leben, meist ohne es zu wissen. - Es gibt zwei, drei Stellen, die mich psychologisch nicht ganz überzeugten. Doch das schränkt den exquisiten Genuss dieser Lektüre nicht ein.

Theodor Fontanes Roman "Irrungen - Wirrungen"

05. April 2019

Fontane (1819-1898) gilt als der bedeutendste realistische Erzähler Deutschlands im 19. Jahrhundert. Er schrieb seine Romane erst in der Reife seines Lebens. Sie geben einen tiefen Einblick in die Verhältnisse der preußischen Kaiserzeit namentlich in Berlin und Brandenburg. Fontane schilderte meisterhaft die unterschiedlichen Milieus des Adels und der unteren Schichten der Gesellschaft, wobei in seine Dialoge viel vom damaligen Dialekt einfloss.

Es geht in diesem Roman wie schon in den "Wellen" Eduard von Keyserlings um das kurze Glück und um das Ende einer nicht standesgemäßen Beziehung, hier des Barons Botho von Rienäcker mit der bürgerlichen Lene Nimptsch. Die Zuneigung der beiden ist ehrlich, doch muss sie an den familiären Erfordernissen des Barons, der danach standesgemäß und wirtschaftlich erfolgreich heiratet, scheitern. Auch Lene findet einen für sie attraktiven Mann. Dem Schmerz und der Einsicht in das Unvermeidliche wird breiter Raum gewährt, doch geht das Leben auf beiden Seiten weiter und bleibt insofern offen. - Was Fontane vielleicht nicht beabsichtigte, ist der entlarvende Einblick in das Leben des Adels, der von seinen Einkünften leben konnte, aber - vom Militär abgesehen - gesellschaftlich keine echte Aufgabe mehr hatte. Dies zeigt sich besonders an den adligen Damen, namentlich an Bothos hübscher Käthe, deren Leben im seichten Gewässer von Konversation und gesellschaftlicher Repräsentation verläuft. Man verfügt über hohen Wohlstand und ist im äußerlichen Sinne "gebildet". Man ist gesellig, macht Reisen, Kuren usw. - Im Gegensatz zum Adel leben Lene und ihr Ehemann wie überhaupt die Bürgerlichen vom Ertrag ihrer ehrlichen Arbeit.

Hat sich an dieser gesellschaftlichen Struktur so viel geändert? Nun, man ist heute nicht mehr durch Geburt schon gut situiert, doch gibt es gegenwärtig genauso wie damals Kreise, die faktisch von der Arbeit anderer leben. Das wäre ein weites Feld.

Nicht die wenig vorhandene Dramatik, sondern die vielen kleinen Geschichten und lebendigen Schilderungen machen diesen Roman aus. Man taucht in die Atmosphäre einer längst vergangenen Epoche ein und nimmt am Leben damaliger Menschen teil. Nur an einer Stelle ist der Plot echt dramatisch, nämlich anlässlich der unfreiwilligen Begegnung Lenes mit Botho und seiner jungen hübschen Frau auf der Straße. Lene gelingt es zwar, vom Paar nicht bemerkt zu werden, doch löst dieser Anblick einen echten Zusammenbruch aus, von dem sie sich erholen muss. Dabei zeigt sich unzweifelhaft, wie tief und ehrliche ihre Liebe zu Botho war. - Erst danach bahnt sich die nähere Beziehung mit dem Mann an, der sie dann heiraten wird. Und mit der Botho tief berührenden Heiratsanzeige der beiden endet der Roman.

Zum Roman "Wellen" von Eduard von Keyserling

04. April 2019

Dieser Roman spiegelt eine vergangene Epoche, nämlich die in Deutschland und im Baltikum noch weitgehend vom Adel dominierte Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg mit ihren Standesschranken. Keyserling (1855-1918) wird auch der baltische Fontane genannt und der impressionistischen Erzählkunst zugerechnet.

Die Geschichte handelt von der Liebe zwischen der Gräfin Doralice und einem bürgerlichen Maler, also von einer in Adelskreisen als nicht gesellschaftsfähig geltenden Beziehung. Sie spielt im Sommerurlaub an der Ostsee, die ebenso wie die dort ansässigen Fischer in den feinsten Tönen beschrieben wird. Weil nun am selben Badeort auch eine mit Doralice bekannte Adelsfamilie Ferien verbringt, entsteht ein unfreiwilliges Geflecht von heiklen Begegnungen, wobei der vorgesehene Schwiegersohn der Familie mehr hinter Doralice als hinter seiner Braut her ist. Familienpolitik und individuelle Neigungen geraten in Konflikt. Die Geschichte endet tragisch, aber offen. Der Maler, der sich immer mehr mit dem Fischerei-handwerk verbindet, kommt in einem Sturm während einer nächtlichen Fahrt ums Leben. Die Feriengäste reisen ab, und Doralice bleibt allein zurück. Sie fühlt sich zumindest vorerst an den Ort ihres Unglücks gebunden.

Es ist lehrreich, im Spiegel repräsantativer Literatur in vergangene Zeiten unterzutauchen. Dann sehen wir erst, wie sehr sich seither die Welt und die Gesellschaft verändert haben. Heute stehen keine Standesgrenzen mehr unseren individuellen Neigungen im Wege. Die gesellschaftlichen Grenzen verlaufen mehr entlang von Karriere und wirtschaftlichem Erfolg. Wer früher zum Adel gehörte, galt per Abstammung über viele Generationen als wohlhabend. Auch heute ist es wichtig, ob man in einer wohlhabenden Familie oder in Armut aufwächst, doch spielt die Abstammung über die Generationen hinweg keine Rolle mehr.

Keyserling, dessen Romane mit viel Sinn für Situationen und Stimmungen geschrieben sind, gehört zwar einer untergegangenen Welt an. Dennoch ist die Lektüre seiner Erzählungen ein Genuss und gibt Einblick in bestimmte Facetten des Menschseins.

Die Magie der intelligenten Positivität

28. März 2019

Wer sein persönliches Leben und das gegenwärtige Zeitgeschehen aufmerksam betrachtet, wird unweigerlich bemerken, dass unser Dasein auf diesem Planeten unter einem Schwall von Negativität zu leiden hat. Auch die vorangehenden Eintragungen auf meinem Blog zeugen davon.

Was können wir angesichts dieser Situation tun? Wir sollten uns durch die Negativität, die wir wahrnehmen (rücksichtsloser Egoismus, Blindheit, Eifersucht, Betrug, Korruption, Gewalt usw.), nicht verleiten lassen, darauf mit Zorn und Hass zu reagieren, denn so geraten wir auf dieselbe Ebene, die wir in einer Art unbedachter Empörung zu bekämpfen gedenken.

Das Gegenmittel gegen die negativen Zustände und Ereignisse ist nicht Zorn und Hass, sondern die intelligente Positivität, die alles Negative umdenkt und umerlebt, indem sie die positiven Möglichkeiten, die in den negativen Zuständen und Ereignissen zunächst verborgen sind, bewusst macht und auf das Weiterführende setzt, das aus Schmerz, Leid und Elend herauszuführen vermag. Wir sollten, wie schwer es zunächst fallen mag, den Beschimpfern, Betrügern und Verbrechern mit unsentimentalem Wohlwollen begegnen und ihnen dadurch den Boden entziehen, auf dem sie agieren.

Man mag einwenden, das sei leichter gesagt als getan. Doch nach meiner Überzeugung gibt es keinen besseren Weg.

Naturgetragene und virtuelle Realität

14. März 2019

Die naturgetragene Realität ist die uns vertraute, zivilisatorisch überformte Natur. Schon Wege, Wiesen, Äcker, Ährenfelder und Wälder sind Ergebnisse eines seit vielen Jahrtausenden dauernden Zivilisationsprozesses, der das Antlitz der Erde immer mehr verändert hat. Zu dem vorhin Genannten kommen hinzu Straßen, Autobahnen, Schienen- und Wasserwege, Dörfer, historische Städte und moderne Mega-Citys mit ihren Wolkenkratzern, U-Bahnen und ihrer Anonymität, ferner Flughäfen und Flugzeuge verschiedener Art, Container-Riesen und sonstige Schiffe auf den Meeren, ebenso die Verschmutzung der Meere durch Kunststoffabfälle, der Atmosphäre durch Verbrennungsmotoren und Industrieschornsteine, die Vergiftung der Böden durch Herbizide und Pestizide, die vielen Anlagen zur Gewinnung von Bodenschätzen, schließlich die Verunreinigung des Orbits der Erde durch zahllose Satelliten und Raketenteile. - Das ist schon ungeheuer viel, doch alles das ist immer noch naturgetragen. In diesem Bereich gelten die Gesetze der physischen Welt wie in der unberührten Natur, die wohl nur noch in den Polargebieten, in Hochgebirgen, in Wüsten, Steppen und Urwäldern zu finden ist.

Auch unsere Körper sind Teil der Natur, und für sie gilt dasselbe wie das, was eben in Bezug auf die Natur im Großen gesagt wurde. Wir Menschen haben immer mehr ins körperliche Dasein eingegriffen, wie Operationen, Transplantationen, Prothesen und eine reiche Palette von Medikamenten und Kosmetika beweisen. Das alles bleibt jedoch auf das selbsttätige Leben des Körpers angewiesen.

Anders verhält es sich mit der virtuellen Realität. Mit Hilfe der Immersions-techniken von Virtual Reality können im Prinzip neue, künstliche Welten erlebt werden, die nicht mehr der Trägheit der uns vertrauten physischen Natur mit ihrer Schwerkraft und den begrenzten Aktionsmöglichkeiten unseres Körpers unterliegen. Es handelt sich um technisch vermittelte Fantasiewelten, denn auch unsere Fantasie ist den Bedingungen und Grenzen unseres physischen Körpers enthoben. - Die Gefahr, in die wir uns begeben, wenn wir uns für virtuelle Realität begeistern, ist naheliegend: Bei regelmäßigem, vielleicht sogar suchtbartigem Konsum dieser Erfahrungen muss zwangsläufig die individuelle Fantasie verkümmern, und das ist schlimm, weil sie die Werkstatt unserer Kreativität ist.

Außerdem gilt es zu bedenken, dass die virtuellen Realitäten nach wie vor auf unserem naturgetragenen Organismus aufsitzen und insofern nicht durch sich selbst lebensfähig sind. Es handelt sich also um Schmarotzerrealitäten, welche unsere natürlichen körperlichen Bedürfnisse nicht stillen und die naturgetragene reale Interaktion mit unseren Mitmenschen nicht ersetzen können. Aber sie können uns dem naturgetragenen Dasein entfremden, und das ist bedenklich.

Wie künstliche Intelligenz unser Leben immer mehr verändern wird

11. März 2019

Buchtipp: Holger Volland, Die kreative Macht der Maschinen - Warum Künstliche Intelligenzen bestimmen, was wir morgen fühlen und denken, Beltz-Verlag 2018, ISBN 978-3-407-86509-0 Print.

Ich kann jedem, der auf reflektierte Art Zeitgenosse sein will, die Lektüre dieses Buches sehr empfehlen. Der Autor zeigt in zehn Kapiteln mit dutzenden von Beispielen die Anwendungsmöglichkeiten der KI (Künstlichen Intelligenz) auf verschiedenen Gebieten. - Die Entfremdung der Menschen von der Natur, das heißt von dem, was ohne menschliches Dazutun von selbst in der Welt entsteht, ist schon vor zwanzig Jahren sehr groß gewesen. Was aber inzwischen geschehen ist und weiterhin geschehen wird, übertrifft alles Bisherige um ein Vielfaches, wie seit einiger Zeit die Immersionswelten von Virtual Reality demonstrieren. Daher sollten wir wachsam diese Entwicklung verfolgen, damit wir nicht immer mehr zu digitalen Schrumpfexistenzen, mit denen die Großkonzerne Geschäfte machen können, verkommen.

Insbesondere die durch das Lesen von Büchern ganz wesentlich geförderte Privatsphäre ist immer mehr in Gefahr. Ohne geschützte Privatsphäre jedoch kann sich freies, unabhängiges Menschsein nicht entwickeln und aufrechterhalten, und ohne unabhängige Menschen ist Demokratie ein reiner Schaufensterwitz. Das offenbar weit verbreitete Bedürfnis, sich selbst via soziale Netzwerke den Mitmenschen zu präsentieren, kann zu Abhängigkeiten führen, von denen sich Naivlinge keine Rechenschaft geben.

Vollands Buch deckt aber nicht nur die Gefahren der KI auf, sondern gibt auch zahlreiche Beispiele für positive Anwendungsmöglichkeiten.

Geburtstag

05. März 2019

Der Tag unserer Geburt ist jener Tag, an den wir uns selbst nicht erinnern können. Deshalb tun es unsere Mitmenschen, indem sie uns zu seiner kalendarischen Wiederkehr gratulieren.

Zur Zukunft des irdischen Menschseins

23. Februar 2019

Wären wir irdischen Menschenexistenzen einfach Tiere, wie es die selbstvergessen betriebene Naturwissenschaft in ihrer Blindheit für das Wesen uns je länger desto mehr einreden will, dann gäbe es keine Probleme. Wir würden wie andere (auch die am höchsten entwickelten) Tierexistenzen durch Fortpflanzung ins Dasein treten, würden ausschließlich die animalische Dreifaltigkeit (Überleben durch Ernährung, Fortpflanzung und Aufzucht der Jungen, Schutzbedürfnis) ohne weitere Perspektive leben und nach mehr oder weniger kurzem Dasein der gnadenlosen Kette von Fressen und Gefressenwerden zum Opfer fallen. Unsere Einzelexistenzen wären nur zur Arterhaltung von Bedeutung und hätten keinen Sinn in sich selbst. Und unsere ausschließlich instinktgeleitete Intelligenz (die bei Tieren übrigens sehr groß sein kann) bliebe ohne individuelle Bedeutung. Es gäbe keine Geschichte, keine Kultur, kein Selbstbewusstsein, keine selbsttätige Intelligenz und selbstver-ständlich keine Freiheit.

Nun verhält es sich aber nicht so. Vielmehr entfaltet sich im Rahmen unserer animalischen Existenz unsere je individuelle Intelligenz, die ein eigener Ursprung ist und die nicht von der Natur abgeleitet werden kann. Es ist das Denken, kraft dessen wir die konkrete Situation, in der wir uns vorfinden, erkennend transzen-dieren, um uns die allgemeinen Gesetze theoretisch bewusst zu machen, die in den konkreten Gegebenheiten der Sinneswelt wirken. Außerdem schmieden wir in unserem Inneren Pläne und umreißen Ziele, mit deren Hilfe wir das konkret Gegebene ebenfalls transzendieren, nun aber, um Neues, bisher nicht Dagewesenes in der Sinneswelt handelnd zu verwirklichen. - Wir können unser Denkvermögen auch einsetzen, um über die physische Welt hinaus uns das Göttliche allgemein und das je eigene Ich-Bin bewusst zu machen. Aber wer tut das schon ...?

Eigentlich müsste uns die einzigartige Fähigkeit unserer denkenden Intelligenz mit ihrem doppelten Transzendieren der physisch-sinnlichen Wirklichkeit zuversichtlich stimmen, denn kraft dieser Fähigkeit sind wir zweifelsohne gut ausgerüstet, um unsere animalisch konditionierte körperliche Existenz zu bemeistern und zu verheißungsvollen überanimalischen Ufern zu führen. - Doch weit gefehlt! Die überblickbaren Jahrtausende der Geschichte zeigen allzu deutlich, dass die aus dem Denken sich entfachende individuelle Intelligenz fast ausschließlich den animalischen Bedürfnissen des Körpers dient. Die himmelwärts führende Vernunft ist bei fast allen Erdlingen verkümmert, und der an den physisch-materiellen Tatsachen klebende Verstand wirkt bloß als Anwalt der animalischen Eigendynamik, dies auch dort, wo er mit immer neuen technischen Erfindungen das körperliche Dasein zu erleichtern bestrebt ist. Die heutige Technik bis in ihre elektronischen Raffinessen ist nichts Anderes als die ins Gigantische gesteigerte Gier der animalischen Triebe und Begierden, und es ist nicht abzusehen, dass sich daran etwas zum Positiven hin ändern könnte. - Vielmehr führt der Weg, auf dem sich die Menschheit derzeit befindet, unausweichlich in die Vernichtung alles Menschlichen, das himmelwärts streben möchte.

Was bleibt? Ich betrachte das Experiment der Inkarnation von individuellen Ich-Bin-Wesen in einem animalisch konditionierten Menschenkörper als gescheitert. Die Stimme der Vernunft hat keine Chance, und so wird das Verhängnis seinen Lauf nehmen. - Allerdings darf ich hinzufügen, dass die mit dem Scheitern dieses Experiments gewonnenen Erfahrungen und Einsichten wertvoll sind, und wenn auch die gegenwärtige Erdenmenschheit zum Untergang verurteilt ist, so ist das kein Todesurteil über die an dem Experiment beteiligten Ich-Bin-Wesen. Sie werden gemeinsam mit den beteiligten geistigen Hierarchen die Konsequenzen ziehen und ihr Dasein ausschließlich auf die überanimalische Lichtkörperebene verlegen. Und sie werden darüber überaus glücklich sein. Sie werden sich sagen: Es war ein unglaublicher Stress, aber jetzt wissen wir's!

Mein neuer Roman mit dem Titel "Abschied und Aufbruch" ist soeben erschienen

09. Februar 2019

Ich verweise auf die Rubrik "Belletristik / Romane" auf dieser Webseite. Dort sind die für den Kauf nötigen Angaben sowie der Cover des Buches mit dem einführenden Text zu finden.

1995 entsteht im Raume Berlins ein mit geistigem Austausch verbundener Freundes-kreis, dessen Entwicklung bis zum Jahre 2000 verfolgt wird. Ein spirituelles Fernziel bildet trotz der Verschiedenheit der individuellen Wege die gemeinsame Grundrichtung der freundschaftlich verbundenen Menschen. Dabei kommt es auch zu Vorstößen in überphysische Bereiche.

Es geht nur um EINES

04. Februar 2019

Es geht im Leben der einzelnen menschlichen Individuen wie auch der Gesellschaft nur um eines: um die Entdeckung, Entfaltung und Verwirklichung der je einmaligen, individuellen Freiheit!

Jeder einzelne Mensch ist als ewiges, unendliches Ich-Bin-Wesen ein eigener Ursprung, der auf gar keine Weise von der Natur, ja vom gesamten erschaffenen Universum, ableitbar ist. Das Ich-Bin jedes Menschen ist absolut frei, ob es das auf der Ebene seiner irdischen Existenz weiß oder nicht, ob es das auf der Ebene seiner irdischen Existenz will oder nicht, denn die Freiheit ist sein Wesen, ist seine Bestimmung, eine Bestimmung, die nichts festlegt, die zu nichts verpflich-tet, der aber alles offensteht und die über alles verfügen kann.

Das einzelne Individuum als Ich-Bin-Wesen ist an keinerlei Vorgaben gebunden. Deshalb war es ein katastrophaler Fehler Kants, die Freiheit mit der Sittlichkeit zu koppeln. Dieser selbstquälerische preußische Zug führt zwangsläufig zum ethischen Totalitarismus, der mit Freiheit nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Jede Ethik ist nur ein uns Ich-Bin-Wesen nicht bindendes Zwischenergebnis der geschichtlichen Entwicklung, denn wir Ich-Bin-Wesen sind sowohl zum Negativsten, Scheußlichsten, Satanischsten, Zerstörerischsten als auch zum Positivsten, Liebevollsten, Göttlichsten, Beglückendsten fähig.

Weil es so ist, wie eben beschrieben, deshalb haben menschliche Gesellschaften stets ein Korrektiv gegen die negativen Optionen der Freiheit geschaffen und letztere mit Strafen belegt. Gesellschaftlich gesehen, gilt immer der Satz: Die Freiheit ist nicht nur meine Freiheit, sondern stets ebenso die Freiheit meiner Mitmenschen. Dies zu anerkennen, kann wiederum nur ein Akt der Freiheit sein, der sich aus ihrem eigenen Wesen ergibt.

Und welches ist das Verhältnis der Natur zur Freiheit? Die Antwort ist einfach: Die gesamte uns vorgegebene Natur, auch die unserer Existenz, ist lediglich Material unserer Freiheit, großartiges Material, mit dem sich wirklich etwas anfangen lässt. - Die funktionale Grenze zwischen Natur und Freiheit zieht sich "mitten" durch unsere Existenz hindurch. Das, was ich an verschiedenen Stellen als Animalische Dreifaltigkeit beschrieben habe, untersteht zunächst dem Diktat der Natur. Unsere Freiheit als denkende Wesen ist jedoch von diesem Diktat unabhängig und dazu aufgerufen, die Natur in Zivilisation und Kultur umzuwandeln. Ja noch mehr: In meinen Romanen fordere ich die Umwandlung der animalischen, uns letztlich nicht gehörenden körperlichen Existenz in eine Lichtkörperexistenz, die mit keinen Abhängigkeiten von der Natur zu kämpfen hat, sondern ihre Göttlichkeit in völliger Souveränität lebt und verwirklicht.

James Hiltons Roman "Der verlorene Horizont"

03. Februar 2019

Diesen 1933 erschienenen, außerordentlich erfolgreichen Roman habe ich mit tiefer Befriedigung zum zweitenmal gelesen. Die fantasievolle, den Nerv ihrer Zeit treffende Vision vom tibetischen Kloster Shangri-La, zu dessen Füßen das geschützte, fruchtbare Tal des blauen Mondes liegt, das unter anderem vom traumhaft schönen Karakal, einem Achttausender, begrenzt wird, ja, diese Fantasie hat es in sich. Der Autor schildert Shangri-La als eine kostbare, wundervoll ausgestattete Kulturinsel, deren Bestimmung es ist, die bevorstehenden Untergänge der westlich beherrschten Zivilisation zu überleben, um ihre Perlen einem Neubeginn der irdischen Kultur zu schenken. Wenn man bedenkt, wie bald nach dem Erscheinen des Romans der Zweite Weltkrieg ausbrach, dann muss man dem Autor geradezu ein prophetisches Gefühl bescheinigen.

Shangri-La hat besondere Eigenschaften, die es ermöglichen, dass die dort lebenden Lamas bis zu über zweihundert Jahre alt werden. Gründer des jetzigen Klosters ist der Kapuzinermönch Perrault, der um 1720 zufällig das verwunschene Tal des blauen Mondes entdeckte, dort blieb und nach einer Zeit des Einlebens das verfallene ehemals buddhistische Kloster innerlich und äußerlich neu aufbaute. Die im Kloster wohnenden Lamas sind die milden Herrscher über das Tal des blauen Mondes. Weil ihr Anliegen aber die Bewahrung der großen Kultur ist, benötigen sie personellen Nachschub von der Außenwelt. Immer wieder haben sich interessante Menschen in die unwirtliche Gegend verirrt und wurden von Shangri-La eingefangen, um das Erbe weiterzutragen und weiterzuentwickeln. Da im Tal reichliche Goldadern vorkommen, kann Shangri-La es sich leisten, regelmäßig wichtige Kulturgüter durch Trägerkarawanen aus China herbeischaffen zu lassen.

Der hohe Lama ist schon sehr alt, der Personalbestand bröckelt. Da hilft Shangri-La dem sonst waltenden Zufall nach und entführt aus Baskul per Flugzeug vier Personen. Das ist möglich, weil ein Talbewohner sich zum Piloten hat ausbilden lassen und im entscheidenden Moment während der politisch-kriegerischen Wirren in Baskul im Mai 1931 eine britische Maschine kapert, die eigentlich nur der Evakuierung der weißen Bevölkerung von Baskul nach Peshawar dienen sollte. - Baskul ist ganz unverkennbar Kabul, die Hauptstadt Afghanistans, von wo die Straße über den berühmten Khyber-Pass nach Pakistan führt. Die erste größere Stadt dort ist Peshawar. (Geschichtlich sei angemerkt, dass die Briten als Kolonialherren über Indien und Pakistan die Afghanen nie unter ihre Botmäßigkeit bringen konnten, wie mehrere Aufstände und Kriege bezeugen.)

Der tibetanische Pilot fliegt aber nicht nach Peshawar, sondern, wie aus dem Gespräch der entführten Insassen hervorgeht, am Nanga Parbat vorbei auf das Karakorum-Gebirge zu und über einen Pass desselben hinweg nach Tibet in Richtung Kunlu-Gebirgszug. Der kühne Flug endet mit einer Bruchlandung in der Nähe Shangri-Las, von wo aus die vier Entführten freundlich geborgen und abgeholt werden. Sie hätten sonst in den eisigen Stürmen nicht überlebt. - Die vier Entführten sind drei Briten und ein Amerikaner. Hauptperson ist Conway, Konsul von Baskul, begleitet von seinem jungen Mitarbeiter Mallinson. Ferner sind Miss Roberta Brinklow von der Fernostmission und der steckbrieflich gesuchte Amerikaner Henry D. Barnard dabei.

Von Anfang an besteht eine dramatische Spannung zwischen der wundervoll harmonischen Welt Shangri-Las, zunächst vertreten durch Tschang, der sich um die Entführten, die nicht wissen, dass sie entführt worden sind, kümmert. Sie werden verwöhnt. Der sprachbegabte und gebildete Conway gerät in den Zauber Shangri-Las, wogegen Mallinson sich dagegen heftig und permanent wehrt. Er will möglichst bald abreisen, um britisches Gebiet zu erreichen. Eine Abreise ohne geübte, wegkundige Träger wäre aber aussichtslos, und Träger kommen nur selten an den abgelegenen Ort und sind vorerst nicht in Sicht. Während der Wartezeit schwelt der genannte Konflikt weiter, noch verschärft durch die Tatsache, dass der hohe Lama Conway wiederholt zum Gespräch empfängt und ihn immer mehr in den Bann seiner Vision zieht. Die Gespräche berichten von der Geschichte und Vision Shangri-Las. Conway ist aber der einzige, der eingeweiht wird, weshalb sich der Konflikt zuspitzt. Während Miss Brinklow und der Amerikaner Barnard gern bleiben, will Mallinson unbeugsam zurück. Er gewinnt auch eine vornehme Bewohnerin des Klosters, eine Mandschu-Prinzessin, für seinen Plan der Flucht, und weil Conway den jungen Kollegen einfach nicht im Stich lassen kann, begleitet er die beiden nach langem Widerstreben.

Nur die Rahmenerzählung deutet das Ergebnis der Flucht an: Außer Conway, der dabei zunächst sein Gedächtnis verliert und in einer christlichen Missionsstation Chinas gepflegt wird, kommen die zwei anderen ums Leben. Als Conway wiederhergestellt ist und sich bereits auf der Schiffsreise Richtung USA befindet, gelingt es ihm auszubrechen und sich erneut auf den Weg nach Shangri-La zu machen, wie dringend vermutet werden muss. Ob er dort ankommen wird, bleibt offen.

Zugegeben: Der Plot des Romans hat ein paar Schwächen, besonders was die Rahmenerzählung betrifft. Auch die unwahrscheinliche Entführung durch den tibetanischen Piloten, der sogar noch ene Zwischenlandung benötigt und von Eingeborenen neu mit Benzin betankt wird, gehört hierher. - Dennoch, wenn ich nach meinen Lieblingsromanen gefragt würde, würde ich Hiltons "Der verlorene Horizont" und Somerset Mlaughams Florenz-Roman "Oben in der Villa" angeben, ersteren wegen seiner großartigen Vision, letzteren wegen der Vollkommenheit des Plots. - Beide spielen sich übrigens in den 1930er Jahren ab.

Verfilmung von Hiltons Roman "Der verlorene Horizont"

03. Februar 2019

Der Roman wurde 1937 mit Ronald Colmann (Conway), Jane Wyatt u.a. unter der Regie von Frank Capra von Columbia mit einem für damalige Verhältnisse gigantischen Aufwand verfilmt. Titel des Streifens: "In den Fesseln von Sangri-La". - Aber ... Nun kommt das Aber! Die von Hilton geschilderte Geschichte wurde erheblich verändert. - Erstens liegt jetzt Baskul im Gegensatz zum Roman plötzlich im weiteren Umfeld von Shanghai, also genau in der geografisch entgegengesetzten Richtung. Dies vermutlich wegen der damaligen Aktualität des japanisch-chinesi-schen Krieges, der 1937 begann. - Und zweitens handelt es sich nicht mehr um vier, sondern um fünf entführte Insassen. Nur Conway, Mallinson und der Amerikaner bleiben erhalten, allerdings nun mit der Änderung, dass Mallinson der Bruder Conways ist, wahrscheinlich, um Conways Bereitschaft, den Jüngeren auf der Flucht zu begleiten, überzeugender zu gestalten. Als vierter gehört ein englischer Paläontologe, der einen wertvollen Wirbelknochen mit sich führt, dazu. Er wird vom Amerikaner mit Humor genommen. Und schließlich ist da neu eine junge Lungenkranke mit nur noch kurzer Lebenserwartung.

Die Architektur Shangri-Las ist pompös und passt eigentlich nicht zum Geist dieses Klosters. Trotzdem ist das Interieur der Anlage fein gestaltet. Im Tal zu Füßen des Klosters erlebt Conway im Gegensatz zum Roman eine Liebesgeschichte mit Sondra Bizet, einer Bewohnerin Shangri-Las (Jane Wyatt), die als überlebendes Kind eines Tibetforschers nach Shangri-La gebracht wurde. Das ist eine gelungene Erweiterung des Romangeschehens, die sich überwiegend im Tal abspielt. So erhalten wir einen viel plastischeren Eindruck von den Menschen und vom Leben im Tal des blauen Mondes. Außerdem ist Mallinson in eine Liebesgeschichte mit einer in Shangri-La wohnenden Mandschuprinzessin verwickelt. Er bringt sie dazu, seine Flucht mitzu-machen. Ihre falschen Aussagen über ihr Alter sind ein starkes Motiv, dass Conway seinen Bruder auf der Flucht begleitet. - Die beiden Liebesgeschichtden spiegeln den Gegensatz zwischen Conway und Mallinson, denn während Sondra unbedingt in Shangri-La bleiben und Conway bei sich behalten will, ist Mallinsons Mandschu-prinzessin fest entschlossen, mit ihrem Freund zu fliehen.

Die Flucht wird bis zu dem Punkt geschildert, als die scheinbar noch junge Mand-schuprinzessin, weil sie aus dem Einflussbereich Shangri-Las geraten ist, in eine alte Frau mutiert, worüber Mallinson derart verzweifelt ist, dass er sich in die Tiefen und damit in den Tod stürzt. - Und am Schluss sehen wir, wie Conway sich auf dem Weg zurück nach Shangri-La mit unglaublicher Willenskraft durch die Schneestürme der unwirtlichen Gegend kämpft und tatsächlich das ersehnte Ziel erreicht. Dort wird er auch seine junge Geliebte wiederfinden. - Die Liebesge-schichten sind ein typischer Hollywood-Zusatz mit Rücksicht auf die Bedürfnisse des Durchschnittspublikums.

Die Rahmengeschichte, die im Roman eine erhebliche Rolle spielt, ist lediglich stichwortartig knapp eingeblendet.

Die Freiheit der Individuen als Grundlage der künftigen Gesellschaft

12. Januar 2019

Nur die Freiheit der menschlichen Individuen kann die Grundlage einer ersprießlichen Gesellschaft sein. In der Vergangenheit war das einzelne Individuum so sehr in die Familie, den Klan, den Stamm, die Volks-gemeinschaft, in religiöse und in staatliche Gebilde eingebunden, dass für individuelle Selbstentfaltung fast kein Spielraum übrig blieb. Gesellschaftliche Eliten bestimmten die Gesetze, denen sich der Eigenwille der Individuen zu unterwerfen hatte. - Doch seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert hat sich das Blatt immer mehr zugunsten der freien individuellen Selbstentfaltung gewendet. Die Proklamation der Menschenrechte und die allmähliche Etablierung von Demokratien haben den Rahmen dafür geschaffen. - Heute aber sind die Demokratien und damit die nationale Selbstbestimmung immer mehr durch die Globalisierung bedroht, nämlich durch die demokratisch nicht kontrollierten Machenschaften der Konzerne und der Finanzwelt und der denselben angegliederten Kreise. Wenn die Demokratien nicht entschlossen ihre nationale Souveränität verteidigen und den Globalisierern das Handwerk legen, wird die Freiheit der menschlichen Individuen erneut und diesmal infolge der technischen Entwicklung gobal durch die Herrschaft gesellschaftlicher Eliten unterdrückt werden.

Das ist meine Meldung zu Beginn des Jahres 2019. Ich könnte sie freilich menschenkundlich fundieren, indem ich auf die in meinen Werken immer wieder thematisierte animalische Dreifaltigkeit rekurriere und aus ihr die Übel dieser Welt ableite. - Dessenungeachtet brauchen wir uns nur bewusst zu machen, dass alles, restlos alles in der Geschichte der Menschheit ausschließlich von menschlichen Individuen hervorgebracht wurde. Volk, Gesellschaft, Gemeinschaft sind Abstraktionen im Denken der Individuen und keine handelnden Wesen. Der Trick bestand stets darin, dass man behauptete, im Dienste der Gesellschaft, des Volkes, des Staates, der Religion zu handeln, obwohl sich hinter diesen Namen stets die Interessen Einzelner und kleiner Gruppen verbargen. Die Menschen waren im Allgemeinen zu stark in die Notdurft des Alltags verstrickt und zu ungebildet, um dieses Spiel zu durchschauen. Doch seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert hat sich die Situation geändert, weshalb der Einzelne die Blendwerke der Macht entlarven und seine unveräußerlichen Rechte einfordern kann.

Ein Gedicht zur Festeszeit der Wintersonne

22. Dezember 2018

Vor zwei Jahren schrieb ich das nachfolgende Gedicht:

Lichterbaum zur Wintersonne

 

Lichterbaum, du lehrst das Wahre,

jedem Weisen Offenbare,

wie Bewusstsein sich und Leben

wunderbar ineins verweben.

 

Daher blüht auf grünen Zweigen

Geistesglanz im Kerzenreigen.

Wintersonne, die wir riefen,

steigt als Licht aus unsern Tiefen,

 

denn wir sollen Sonne werden

wie der Lichterbaum auf Erden,

der als Gleichnis für die Sinne

strahlt, den Seelen zum Gewinne.

 

Zweierlei Kunstfälschung

30. November 2018

Vor Jahren hat der Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, ein großartiger Könner seines Metiers, weltweites Aufsehen erregt, weil er hervorragende Bilder im Stil der bekanntesten Maler unserer Kunsgeschichte erschaffen konnte. Er verdiente damit Millionen, bis der Betrug aufflog und ihn hinter Gitter brachte. Im Interview vom 19.10.2017 schilderte er die Schwierigkeiten beim Hervorbringen eines neuen "echten" Rembrandt-Gemäldes.

Was Beltracchi kann, vermag auch die künstliche Intelligenz. Im Herbst 2016 wurde an der Frankfurter Buchmesse ebenfalls ein neuer "echter" Rembrandt präsentiert. Das Gemälde zeigt einen Mann mit Hut und Bart. Es handelt sich um das verwirklichte Projekt, an dem das Rembrandthuis in Amsterdam, das Mauritiushuis in Den Hag, die Delfter University of Technology, Microsoft und die Werbeagentur J. Walter Thompson beteiligt waren. Das Projekt nennt sich "The Next Rembrandt" und tourt seit 2016 um die Welt. - 148 Millionen Pixel in dreizehn Lagen haben das Gemälde aus einem 3-D-Drucker entstehen lassen. Nötig waren dafür 15 Terabyte an Informationen über die Malweise des alten Meisters.

Quelle dieser Informationen: Holger Volland - Die kreative Macht der Maschinen - Warum Künstliche Intelligenzen bestimmen, was wir morgen fühlen und denken, Beltz Verlag 2018.

Mein Gerichtsurteil: Ich hätte Wolfgang Beltracchi nicht wegen Betrugs verurteilt, sondern ihn freigesprochen und ihm einen Orden verliehen, weil er den kapitalistischen Kunstmarkt in seiner ganzen Kulturfeindlichkeit entlarvt hat. Mein Urteilsspruch als Richter hätte ungefähr gelautet: "Auch wenn der Angeklagte, Wolfgang Beltracchi, Millionen mit seinen Fälschungen im Stil berühmter Maler verdient hat, wird er hiermit freigesprochen. Der Käufer eines Bildes erwirbt dasselbe, weil er ihm große Wertschätzung entgegenbringt. Er bezahlt faktisch, was ihm das Bild wert ist. Einen gesellschaftlich verbindlichen Maßstab für den Wert gibt es nicht und kann es nicht geben. - Wer ein Gemälde nur erwirbt, weil es von einem berühmten Maler stammt, nicht weil es ihm echt gefällt, macht mit Kunstwerken ein Geschäft, macht aus ihnen ein Spekulationsobjekt. Er ist daher selbst schuld, wenn er auf einen Fälscher hereinfällt, und hat kein Recht, das ausgegebene Geld zurückzufordern."

Das Patriarchat im Spiegel von Witzkarten

19. November 2018

Bei Buchhandlungen, Kiosken und Touristenläden findet man verschiedene Arten von Postkarten. Eine besondere Art bilden die Witzkarten. Sie bestehen aus einem Bild und aus einem dazu montierten Text. Hier die Kurzbeschreibungen und die Texte von drei Witzkarten zum Thema des Patriarchats.

Die erste Karte zeigt eine telefonierende, charmant gestylte jüngere Frau unter der Überschrift "Emanzipation". Der Kommentar zur Überschrift lautet: "Das ist jener enorme Fortschritt, der es den Frauen erlaubt, nicht nur Kinder zu haben und den Haushalt zu versorgen, sondern auch noch das nötige Geld für die Familie zu verdienen." (Ron Kritzfeld)

Die zweite Karrte bildet eine hübsche junge Frau beim Spülen und Putzen der Kacheln um den Spülstein ab. Die Überschrift lautet "Die Superfrau". Der Kommentar dazu knapp und bündig: "Sie kocht wie eine Göttin und putzt wie der Teufel!" (Charlotte Seemann)

Das Bild der dritten Karte präsentiert einen Mann im mittleren Alter mit Brille und Glatze. Er hat nur Shorts an und lässt sich gerade im Garten auf einem Liegestuhl nieder. Die Überschrift heißt "Eheglück". Der Kommentar sagt unverblümt: "Die Ehe ist eine Einrichtung, die es dem Mann ermöglicht, ruhig sein Bier zu trinken, während die Frau den Rasen mäht."

So sieht der Alltag der modernen Frau aus, die ihre viel gespriesene Emanzipation lebt, ohne die patriarchalen Grundmuster der Ausbeutung und Unterdrückung in Frage zu stellen. Erst wenn die Frauen sich entschließen, nicht mehr auf patriarchale Weise Erfolg anzustreben, kann eine Gesellschaft entstehen, in der Mitmenschlichkeit und Fürsorglichkeit wichtiger als der patriarchaler Egoismus mit seiner Ellbogenmentalität und Karrieregier sind.

Patriarchat - Matriarchat, Mann - Frau

06. November 2018

Wir machen es uns zu einfach, wenn wir das Patriarchat ausschließlich zur Männersache, das Matriarchat ausschließlich zur Frauensache erklären. Karrierefrauen von heute verwirklichen ganz typische patriarchale Muster, und Männern steht es frei, matriarchale Muster zu leben.

Patriarchat heißt - zumindest heute - nicht Männerherrschaft, sondern Herrschaft des männlicheen Prinzips, nämlich der egoistischen Selbstbehauptung und des Strebens nach Macht über die Mitmenschen. Patriarchat ist immer ein hierarchisch gegliedertes gesellschaftliches Machtsystem, verbunden mit der Ausbeutung der Beherrschten. Heute ist das der Kapitalismus. Dass solche Herrschaft ebenso gut von Frauen wie von Männern ausgeübt werden kann, haben heutige Politikerinnen und Königinnen der Vergangenheit längst bewiesen.

Matriarchat heißt nicht Frauenherrschaft, sondern Herrschaft des weiblichen Prinzips, nämlich der Fürsorglichkeit und Solidarität gegenüber den Mitmenschen. Matriarchat wäre eine vernetzte Gesellschaft, in der es weniger um Befehlshierarchien als um ein friedliches Zusammenleben zur Zufriedenheit aller geht. Das können Männer grundsätzlich ebenso leben wie Frauen. - Auch in patriarchalen Gesellschaften gibt es matriarchale Komponenten, soweit sie die Herrschaft nicht stören, zum Beispiel alles, was als Sozialfürsorge beschrieben werden kann.

Die seit Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgreich betriebene politische und wirtschaftliche Emanzipation der Frauen hat nicht zu einem Matriarchat geführt, sondern dazu, dass die Frauen viel mehr als vordem in ihrem Leben das männliche Prinzip verwirklicht haben. Mit all den Fähigkeiten, die sie entwickelt haben, dienen sie jedoch immer noch vorwiegend den patriarchalen Strukturen. - Diese Errungenschaaft kann ein erster Schritt sein, um die immer noch geltende patriarchale Herrschaft zu überwinden. Es geht jetzt um die Einsicht, dass eine fürsorgliche, solidarische Gesellschaft für die weitaus meisten Menschen viel mehr Glück bereithält, als es gegenwärtig möglich ist.

Eine fürsorgliche, solidarische Gesellschaft kann nur verwirklicht werden, wenn sie auf dem Prinzip der Gerechtigkeit beruht. Das ist allerdings nur möglich, wenn wir das ungerechte, ausbeuterische kapitalistische Wirtschaftsrecht in Bezug auf das Geldwesen und das Bodenrecht durch gerechte Konzepte ersetzen. - Siehe dazu meinen "Essay zur Neugestaltung der Gesellschaft" unter der Rubrik "Philosophie und Kunst / Gesellschaft und Geschichte".

Das Licht und der Lichtkörper

31. Oktober 2018

Das Licht in seiner ursprünglichen Reinheit ist die Emanation der Ewigkeit in der Schöpfung. So gesehen, darf der Lichtkörper der Aufgestiegenen auch Ewigkeitskörper genannt werden, weil seine Lichthaftigkeit der Ewigkeit besonders nahe steht.

Die magische Bedeutung des Tagebuchführens

30. Oktober 2018

Es gibt Rituale im Leben, die eine besondere, ja geradezu magische Bedeutung haben. Ein solches Ritual habe ich eben vollzogen, indem ich nach dem Abschluss des XXV. Tagebuchbandes den XXVI. Tagebuchband, beginnend mit der Seite 4243, eröffnet habe. Der Vorgang wird vom Gefühl begleitet, damit beginne ein neues Kapitel in meinem Leben, verbunden mit der Frage, was mir wohl alles widerfahren werde, ehe ich den neuen Band vollgeschrieben haben würde. - Wieviele Tagebuchbände werde ich noch vollschreiben können? Da ich bereits im 78. Lebensjahr stehe, ist diese Frage nicht ganz von der Hand zu weisen.

Die Bedeutung des genannten Rituals gründet außerdem in der faszinierenden, merkwürdigen Tatsache, dass mein Lebensweg in dieser verschriftlichten Form sozusagen unsterblich ist. Es ist das Faszinosum der Literarisierung des menschlichen Daseinsvollzuges und damit der Literatur im weitesten Sinne überhaupt. Und Literatur ist eben mein Thema ...

Zahlreiche Tagebuchbände habe ich (leider?) vernichtet. Sie sind alle einheitlich ausgestattet. Es handelt sich um gebundene linierte Bände im A4-Format von nicht ganz 200 Seiten Umfang. Auf der jeweils ersten Seite steht oben mein Name, Hubert Max Spoerri, in der Mitte in großer Schrift die Nummer und das Titelwort Tagebuch. Unten auf der Seite wird ein persönliches Foto von mir eingeklebt. Es stammt jeweils aus der Zeit, in der die Niederschrift des betreffenden Tagebuchbandes begann. - Ich führe seit 1961 oder 1962 Tagebuch und seit 1962 parallel dazu (allerdings lückenhaft) ein Traumbuch im selben Format.

Ich kann nur jedem empfehlen, Tagebuch zu führen. Wenn man Jahrzehnte später darin liest, begegnet man sich selbst wie einem anderen Menschen, denn an das meiste kann man sich überhaupt nicht erinnern. Wir machen uns in der Regel gar nicht bewusst, wie sehr wir unsere Erinnerungen im Nachhinein manipulieren, und zwar stets aus dem Horizont der Rolle, die wir im Leben gerade spielen. - An das Ursprüngliche heranzukommen, ist, wie die Psychologen wissen, ein delikates Unterfangen. Spürsame Schriftsteller haben das gewusst, weshalb Goethe die Autobiografie seiner Jugend (vor Weimar) "Dichtung und Wahrheit" nannte. Er ließ offen, wie groß der Anteil der Dichtung dabei war. Und Somerset Maugham nannte seine originellen autobiografischen Aufzeichnungen bezeichnenderweise "Die halbe Wahrheit".

Die patriarchale Religion und die Frauen

29. Oktober 2018

Alle herkömmlichen Religionen sind ganz und gar patriarchal geprägt. Sie weisen der Frau nur eine verehrende und in Gehorsam dienende Rolle zu. Schon die Schöpfungsgeschichte im Alten Testament zeigt, dass die Frau lediglich eine Sekundärschöpfung aus einer Rippe des Mannes ist (1 Mos 2,18-25).

Das Neue Testament ist nicht besser, wie die so oft von Malern dargestellte Verkündungsgeschichte (Luk. 1,26-38) unmissverständlich klarstellt. Maria wird nicht gefragt, ob sie ein Kind bekommen möchte. Nein, dies wird einfach patriarchal von oben verfügt. Und schließlich sagt sie zum angeblichen Engel der Verkündung nur: "Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort." - Wohlverstanden, es handelt sich um eine im 1. Jahrhundert n.Ch. erfundene, typisch patriarchale Geschichte, die deutlich machen soll, dass der angebliche Wille Gottes die Unterwerfung und den Gehorsam der Frau fordert.

In dieser Verkündungsgeschichte, die von gläubigen Christinnen schon immer als etwas besonders Erhebendes verehrt wurde, ist alles beschlossen, was - um eine markante Religionsgemeinschaft als Beispiel zu nehmen - die Römische Kirche zur gesellschaftlichen Stellung der Frau zu sagen hat. Die Frau hat dem Manne zu dienen und ihm Kinder zu gebären, damit seine Familie, sein Stamm, seine Dynastie in "Ehren" weiterbestehen kann.

Die Römische Kirche versüßt diesen wenig erbaulichen Tatbestand mit der Marienverehrung. Diese Frau, die ebenso wie die meisten Frauen ein Kind bekommen hat, wird einfach dadurch zu etwas Besonderem gemacht, dass man behauptet, ihr Kind sei der Sohn Gottes. Sie avanciert zur Gottesmutter. Auch das ist freilich eine erfundene Geschichte.

Die sozusagene Gottesmutter wird auf diese Weise zur Himmelskönigin hochstilisiert, an die man sich als Fürbitterin wenden kann, obwohl im Himmel selbstverständlich nicht Maria, sondern die Firma "Vater & Sohn" regiert. Es handelt sich also um eine reine Männerherrschaft, in die der Sohn nach echt patriarchaler Manier nur deshalb einbezogen wird, weil er sich dem Willen des Vaters, der keinen Widerspruch duldet, bedingungslos unterworfen hat. (Das Verhältnis der beiden ist ein eigenes Thema, ist doch Gottvater im Gegensatz zu irdischen Vätern unsterblich, kann also nicht vom Sohn abgelöst werden. Hiier setzt dann die Trinitätstheologie an.)

Mutter und Säugling bilden zusammen einen Archetyp. Das Kind an der Brust der Mutter ist die einleuchtende Grundlage, auf der ein erhöhender Marienkult sich aufbauen lässt. Dieser weithin mit Inbrunst betriebene Kult um Maria als Gottesmutter mit ihrem Kind führt uns dauernd vor Augen, wozu eine Frau eigentlich da ist, nämlich um Kinder zu bekommen und um als Fürbitterin vor Gott den notleidenden Armen und Schwachen beizustehen. Letzteres ist dringend nötig, weil jedes patriarchale System von Herrschaft und Ausbeutung lebt. In solchen Verhältnissen wird es immer reichlich Arme und Schwache geben. - Dass Maria trotz der Geburt eines Knaben auch noch jungfräulich geblieben sein soll, das gehört zu den zusätzlichen heilsgeschichtlichen Offenbarungen, welche den Katholiken Glaubensprüfungen auferlegen.

Ja, so ist nun mal die patriarchale Welt, und wenn die Frauen das durchschauen und ehrlich sind, müssen sie um ihrer Würde willen aus der Kirche bzw. der patriarchalen Religionsgemeinschaft austreten. Vielleicht aber ist das mit Rücksicht auf immer noch aktuelle patriarchale Verhältnisse nicht opportun ... Wir wollen es den Frauen nicht übel nehmen, solange die Bundesrepublik Deutschland nicht einmal den Mut hat, das vom Hitler-Regime mit dem Vatikan ausgehandelte Konkordat zu kündigen.

Das Patriarchat und die Frauen

28. Oktober 2018

Patriarchat heißt, aus dem Griechischen übersetzt, Herrschaft des (Stamm)vaters, und da jeder Mann grundsätzlich Vater sein kann, im erweiterten Sinn Herrschaft des Mannes. Und worüber herrscht der Stammvater? Natürlich über den Stamm mit all seinen Mitgliedern oder im engeren Sinn über die Familie, bis er stirbt und von einem anderen Mann abgelöst wird.

Und worum geht es im Stamm bzw. in der Familie aus patriarchaler Sicht? Um das Überleben durch Fortpflanzung, um das Zeugen und Heranziehen des männlichen Nachfolgers und um alle damit verbundenen Absicherungen. - Und das ist nur kraft der Autorität und Herrschaft des Mannes, kraft seiner Macht und Kontrolle möglich.

Und wer muss denn kraft der Herrschaft, Macht und Kontrolle des Vaters/des Mannes unterworfen und verfügbar gemacht werden? Selbstverständlich die Frauen, weil ja nur sie Kinder zur Welt bringen können. - Das ist auch der tiefere Grund, warum die Männer, soweit sie in den Mustern des Patriarchats gefangen sind, auf den Körper der Frau fixiert sind. - Und obwohl die Frauen die Nachkommen zur Welt bringen, herrscht im Patriarchat die Erblinie des Mannes, nicht der Frau.

Patriarchale Psychologie sagt: Die Frau liebt den Charakter des Mannes, der Mann dagegen liebt den Körper der Frau. Das ist für die Männer sehr praktisch, weil zwar der Körper, aber nicht der Charakter altert. Deshalb müssen die Frauen für die patriarchalen Bedürfnisse jung und fruchtbar sein, was ja bekanntlich spätestens mit den Wechseljahren endet, doch die Männer können mit Ach und Krach auch noch im fortgeschrittenen Alter Kinder zeugen.

Die gesellschaftliche Entwicklung hat seit dem 20. Jahrhundert zunehmend zur rechtlichen Gleichstellung der Frauen geführt. Allerdings stehen dieser Entwicklung immer noch die in den Männern weiterwirkenden patriarchalen Muster im Weg, wie die me-too-Bewegung verdeutlicht. - Wir sollten uns allerdings vergegenwärtigen, dass die Männer genauso Opfer des Patriarchats wie die Frauen sind, nur auf andere Weise. Und weil das Patriarchat gesellschaftlich seit Jahrtausenden geherrscht hat, gilt es zu erkennen, dass auch die westlichen Demokratien immer noch tief von dessen Strukturen geprägt sind. Daher ist es nicht verwunderlich, dass so viele Frauen, ohne sich dessen bewusst zu sein, auch heute noch patriarchale Muster leben und sie gegebenenfalls sogar verteidigen, besonders in der kapitalistischen Berufswelt. - Doch davon ein andermal mehr.

Jahreszeitliche Abschiedsstimmung

20. Oktober 2018

Die Sonne hat den Nebel noch einmal aufgelöst, aber nicht vollständig. Trotz des wolkenlosen Himmels ist die Atmosphäre voller Dunst, der den Blick in die Ferne verschleiert, und im Wald lauert, bereits sichtbar, der Nebeldämon und wartet auf seine siegreiche Rückkkehr.

Am Tisch der Südterrasse habe ich vorhin noch einmal Tee getrunken, eine Mischung aus Roibosch und Schwarztee Vanille, angereichert mit Honig und Sahne. Die eher kühle Luft veranlasste mich, den Sessel mit Kissen unten und hinten auszupolstern und eine Strickweste anzuziehen. Keine Markise mehr, einfach mit Schildmütze und Sonnenbrille an der Sonne. Gisela gesellte sich, vom Mittagsschlaf kommend, dazu.

Schöne, beschauliche Stimmung, Abschiedsstimmung. "Oma und Opa wärmen sich noch einmal an der Sonne," sagte ich. Wir lachten.

Spätsommerliche Idylle

15. Oktober 2018

Ich sitze unter der Markise auf unserer Südterrasse bei frühsommerlicher Wärme. So etwas hat es, seit wir im Süden sind, noch nie gegeben! Seit April dauert die Terrassensaison. Der Himmel strahlt in makellosem Blau, und das seit Tagen, ja seit Wochen mehr oder weniger.

Zum Mittagessen fuhren wir zum Andreashof über Deisendorf hinauf. Zuerst spazierten wir ans Ende des Hügelvorsprungs, auf dessen Rücken der Hof liegt, und genossen die Aussicht auf die im Dunst liegende Alpenkette vom Glärnisch über den Säntis bis zu den Allgäuer Bergen. Es ist jedesmal ein Genuss.

Dann nahmen wir unter einem großen Sonnenschirm des wunderschönen Gartenlokals zuerst eine schmackhafte Kürbissuppe, danach einen Kuchen mit Sencha-Tee zu uns. Anschließend spazierten wir an der Westflanke der langgestreckten Treibhäuser durch den reichen Kräutergarten und schließlich an der Ostseite durch den großartigen Rosengarten zum Auto zurück.

Während wir hier den ganzen Tag von starkem Verkehrslärm beschallt werden, bietet der nur drei bis vier Kilometer Luftlinie entfernte Andreashof eine äußerst wohltuende Ruhe und Beschaulichkeit, wie wir sie schätzen. Dort ist zum Glück "nichts los", so dass die Innerlichkeit sich ungestört entfalten und sich in ein wahrnehmendes Gespräch mit der Umgebung einlassen kann. - Solche Inseln der Ruhe sind Perlen, und wenn sie auch noch mit Spiritualität verbunden sind (wie dort mit der Anthroposophie), dann umso besser.

Drei Wege erfüllten Lebens

24. September 2018

Es gibt drei Wege, um ein erfülltes Leben zu führen:

1. Der Weg der persönlichen Freundschaft und Liebe. - Das leitende Ideal ist hier die Veredelung des individuellen Menschseins.

2. Der Weg der gesellschaftlichen Kooperation im Sinne der Gerechtigkeit. - Das leitende Ideal ist hier die Veredelung der menschlichen Gesellschaft.

3. Der Weg der ökologischen Gesundheit und Stimmigkeit. - Das leitende Ideal ist hier die Achtung vor der uns tragenden Natur und deren Veredelung.

Die drei Wege und Ideale ergänzen und verbinden sich auf vielfältige Weise. Wirtschaft und Technik dürfen dabei keine bestimmende Rolle spielen. Sie müssen den leitenden Idealen dienen, sonst entstehen Disharmonie, Perversionen, Unglück und Leid.

Familientreffen

22. September 2018

Vergangenen Samstag vom Nachmittag bis weit in den Abend hinein fand auf dem Haldenhof über Sipplingen ein Familientreffen der Nachkommen Margrits, der verstorbenen Schwester Giselas, statt, zu dem Gisela und ich auch eingeladen waren. Zuerst saßen wir im lauschigen Gartenrestaurant bei Kaffee und Kuchen. Dabei wurden auch gelungene Fotos der ganzen Gruppe gemacht. Als es dunkelte, zogen wir in den für uns reservierten Raum im Inneren des Hauses.

Es gab viele gelungene Momente. - Karin Erdmute, die älteste Tochter Margrits, hat zum dritten oder vierten Mal wieder geheiratet und macht einen glücklichen Eindruck mit ihrem Klemens, einem qualifizierten promovierten Ingenieur, mit dem wir sehr fein ins Gespräch kamen. - Sonja, Karins jüngste Tochter, konnte ich über ihr Studium in Bern befragen. Sie will nun, nach vier Semestern, nach Konstanz wechseln. - Christoph, der jüngste Sohn Margrits, war bisher als ausgebildeter Sozialhelfer tätig. Er hat Ferien am Baikalsee gemacht und beabsichtigt, dorthin zusammen mit einer Ukrainerin auszuwandern und ein neues Leben zu beginnen. Er ist schon 47 und meint, das sei der letzte Augenblick für einen solchen Umbruch. Er hatte eine sehr lieben, ein wenig wolfigen japanischen Hund bei sich und strahlte lichtvolle Wärme aus.

Gisela, deren Wahrnehmung sich sehr verlangsamt hat, war von all den Begegnungen sehr erfüllt. So brachen wir nicht als erste auf und verließen zufrieden das Lokal. Der Garten und die Wege zum Parkplatz waren nur schwach beleuchtet. Auf der Treppe, die über wenige Tritte vom Garten zum Weg hinab führt, stürzte Gisela trotz ihrer zwei Stöcke ganz überraschend und zog mich, der ich sie auffangen wollte, mit in den Fall. Sie schrie laut, denn sie schlug mit dem Kopf hart auf. Ein Blumenstock am Rand der Treppe kippte um, so dass sich bräunliche Brühe über mein Giselchen ergoss. In der Dämmerung war sie nicht von Blut zu unterscheiden. Ich befürchtete Schlimmes, hatte zum Glück den Sturz ohne Blessuren überlebt und konnte nun mit helfen. Sofort eilte Personal herbei und rief mit unserem Einverständnis den Notarzt per Handy herbei.

Wir führten die Verunglückte vorsichtig ins Lokal zurück und betteten sie, durch dicke Kissen gepolstert, auf eine Bank. - Der Notarzt, begleitet von einer Helferin und einem Helfer, war bald zur Stelle; ein noch junger, sehr verständiger Mann, der nun Gisela untersuchte und ihr Testfragen stellte, um sich ein realistisches Bild zu machen. - Außer einer riesigen Beule am Kopf und schmerzenden Prellungen an mehreren Stellen konnte nichts Bedrohliches festgestellt werden. Auch das Abhorchen der Lunge verlief günstig. - So bekam mein Giselchen einen Eisbeutel zum Abschwellen auf die Beule und wurde vom Notarzt-Team und mir liebevoll zum Auto begleitet.

Zu unserer Erleichterung blieb ihr die Einlieferung ins Krankenhaus erspart. Ich konnte sie nach Hause fahren und ihr vorsichtig helfen, in die Wohnung und ins Bett zu gelangen. Die Beule auf dem Kopf bildet sich allmählich zurück. Die Prellungen verursachen immer noch Schmerzen, weshalb sie bislang ihre tägliche Gymnastik nicht fortsetzen kann.

Pentagon Freundestreffen in Lengnau

15. September 2018

Gestern Vormittag fuhr ich via Stockach, Singen und Blumberg Richtung Waldshut, zweigte jedoch vor Waldshut links ab und überquerte die Schweizer Grenze bei Zurzach. Von dort ging's über den Zurzacher Berg nach Tegerfelden und nach Lengnau zu den Gastgebern, Karl und Nelly Albiez, wo das diesjährige Treffen des Pentagon (übersprünglich waren es fünf, daher der Name) stattfand. Alle außer Gisela und Mariangela, der Partnerin Walter Boeschs, sind erschienen: Heinz und Josée Hirzel, Beat und Rös Grenacher, Walter und Marianne Huser. Walter Boesch und ich selbst.

Wir plauderten gemütlich und wurden mit einem sehr schmackhaften, mehrgängigen Mittagessen verwöhnt. Walter Boesch ist erfreulicherweise trotz einer Diskushernie mit Spitalaufenthalten und Operation gekommen. Walter Huser ist durch Arthrose im Genick und in der Wirbelsäule behindert, hält sich aber tapfer aufrecht. Sonst sind alle wohlauf (von meiner lieben Gisela abgesehen).

Nach dem opulenten Essen besuchten wir in Lengnau eine Ausstellung über zweierlei Insekten, über die Bienen einerseits und die Stabschrecken anderseits, beides sehr eindrücklich und fachkundig anhand lebender Tierchen vermittelt. Hinzu kamen großartige Fotos, die man mit 3D-Brillen betrachten konnte. - Das war ein ganz ungewöhnliches Erlebnis und weckte einhellige Begeisterung.

Dann musste Walter Boesch angesichts seines noch reduzierten Zustandes zurückfahren. Wir versammelten uns neu bei den Gastgebern, ehe auch Heinz und Josée wegen eines plötzlich angesagten Besuches nach Zurück zurückkehrten.

Die restlichen Teilnehmer fuhren anschließend zur Weindegustation beim führenden Winzer in Tegerfelden, einem der größten Weinanbaugebiete im Kanton Aargau. Kaum war die Degustation vorbei, wurden wir im Kleinbus zu den Rebbergen hochgefahren, wo uns der Junior-Chef besagter Winzerei und Kelterei für zahlreiche Fragen zur Verfügung stand und sehr kompetent antwortete. Er bestimmte auch mittels eines Messgeräts den Oechsle-Grad einer Traube: 95 Oechsle. Welche ein Sommer!

Zum Schluss gab's ein schmackhaftes Abendessen in der Kelterei und danach eine Führung durch den Senior-Chef zu den die Trauben verarbeitenden Apparaten und in den Keller zu den Weinfässern. Interessant. Was da alles mitspielt, bis der Wein aus der Flasche kredenzt werden kann, ist dem durchschnittlichen Weintrinker wohl kaum bekannt.

Es war berührend, die alten Freunde - alles liebenswürdige Menschen - wieder zu sehen. Seit 61 Jahren treffen wir uns. Das ist ungewöhnlich. - Danke Käre und Nelly für eure Gastfreundschaft! - Kurz nach elf am Abend war ich wieder zu Hause. Giselchen erwartete mich mit freudiger Ungeduld.

Klaus Schröters "Thomas Mann", Monografie bei Rowohlt

08. September 2018

Die fortschreitende Entwicklung Thomas Manns im Spiegel der kenntnisreichen Monografie Klaus Schröters zeigt, wie dieser bedeutende Schriftsteller sich immer mehr zu einem großen Menschen entwickelte. Vielleicht ist die Größe eines Menschen jeweilen erst das Ergebnis individueller Entwicklung, wobei dieselbe stets im zeitgeschichtlichen Kontext gesehen werden muss, im Kontext der jeweiligen gesellschaftlichen (politischen, wirtschaftlichen und kulturellen) Verhältnisse.

Schröters Monografie ist bewegend. Überraschend für mich ist Thomas Manns historische Klarsicht. Er durchschaute, dass der Faschismus jenseits lästiger demokratischer Kontrolle dem Kapitalismus diente und dass die westliche Appeasement-Politik gegenüber Hitler und Mussolini, in diesem Licht gesehen, besser verständlich ist.

Klar geworden ist mir überdies das starke Verwurzeltsein Manns in der abendländischen und deutschen Kulturgeschichte, wie seine großen Werke zeigen. Er war ein typisches Kind seiner Epoche, die inzwischen untergegangen ist, eine der letzten großen Gestalten Europas im herkömmlichen Sinn dieses Wortes. - Ohne mich mit ihm vergleichen zu wollen, darf ich sagen, dass mein Menschsein sich in diesem Punkt von dem seinen fundamental unterscheidet. Ich verfüge zwar über weitgespannte kulturgeschichtliche Kenntnisse, doch ist die Vergangenheit für mich abgetan. Sie hat - von der noch jungen Menschenrechts- und Demokratiebewegung abgesehen - kein Zukunftspotenzial mehr. Sie hat große Werke hervorgebracht, die kaum noch aktuelle Bedeutung besitzen. Ein illustres Beispiel ist der Faust-Stoff, an dem noch der mittelalterliche Teufelsglaube klebt. Das Erkenntnisstreben bedarf des Faust-Pathos' nicht und auch nicht des Versuchungspathos' durch Mephisto. Erkennenwollen ist kein Adelsprädikat, sondern das ziemlich normale Bedürfnis der meisten, und dass dieses Streben durch politische und wirtschaftliche Interessen korrumpierbar ist, gehört ebenso zur Normalität. Der Preis, den Adrian Leverkühn (die Hauptfigur in Manns "Doktor Faustus") für seine Inspirationen zahlen muss, ist eine abartige Marotte Thomas Manns, die mich krankhaft anmutet und die für mich keinerlei Gültigkeit besitzt.

Noch etwas ist mir im Verlauf dieser wertvollen Lektüre deutlicher als je bewusst geworden: Ich bin kein deutscher Schriftsteller, obwohl die deutsche Sprache mein Medium ist. Ich bin auch kein Schweizer Schriftsteller, obwohl Schwitzerdütsch meine eigentliche Muttersprache ist. Ich bin heimatlos auf dieser Erde und am liebsten in Deutschland zu Gast. Aus mir spricht eine ganz andere Welt als die dieser verquälten Erde, eine freiere, schönere, erfüllendere. Das ist das Thema meiner Literatur. Wenn ich etwas zu geben habe, dann genau das. Ich werde einfach weitermachen, so gut es geht. Viel Zeit wird mir wohl nicht mehr bleiben. Sobald mein derzeit entstehender Roman vorliegen wird, werde ich auf ein Werk zurückblicken können, das sich gerundet hat. Was dann noch kommen mag, davon werde ich mich gern überraschen lassen.

Noch etwas: Die 1963 erschienenen zwei Bertelsmann-Bände "Diie großen Meister - Deutsche Erzähler des 20. Jahrhunderts", ausgewählt von Rolf Hochhuth, haben mich wenig beeindruckt.

Heinz-Werner Kubitzas "Der Glaubenswahn"

27. Juli 2018

Habe in wenigen Tagen dieses Buch von Kubitza gelesen, eine entlarvende Kritik des Alten Testaments, die nichts zu wünschen übrig lässt. Insbesondere auch das verlogene Verhältnis des Christentums zu dieser makabren Schrift tritt dabei ans Licht.

Was hat Kubitza gemacht? Er hat sich einfach auf die fortgeschrittenen Forschungen auf dem Gebiet dieser Texte gestützt und die Geschichten des AT im Licht eines an den Menschenrechten geschulten Blicks betrachtet. Dann tritt die Wesensart des alttestamentlichen Gottes Jahwe und seiner Propheten ungeschminkt zu Tage. Das Positive daran ist: Diesen Gott und auch die ihm angedichteten Taten gibt es nicht. Er ist nur eine Ausgeburt pathologischer Fantasien seiner angeblichen Propheten. Wahrscheinlich handelt es sich bei den heute vorliegenden Schriften des AT um eine erst spät umredigierte Fassung ursprünglicherer Texte.

Der Glaubenswahn schließt sich kompetent an den Jesus-Wahn an. Den dritten Teil der Trilogie, den Dogmenwahn, werde ich mir später vornehmen. - Man sollte wahrlich nicht den Fehler machen, vom Text des AT auf die Juden zu schließen, von den Fundamentalisten abgesehen, die es aber in jeder Religion gibt. Wenn ich denke, was Menschen jüdischer Herkunft in der deutschsprachigen Kultur Großartiges geleistet haben, habe ich allen Grund, sie zu bewundern und in mein Herz zu schließen.

Frühe Getreideernte

15. Juli 2018

In diesem Jahr ist das Getreide um Wochen früher reif als sonst. Schon Anfang Juli hat der Rengohof die Gerste abgeerntet. Vor drei Tagen folgte der Weizen und heute vor meinen Augen der Roggen. Ich spazierte mit Gisela zum Roggenfeld, das zwischen den Gebäuden des Hauses Rengold und dem Wald liegt, schritt hinein und schaute mir die Strohballen näher an. Dann, während Giselchen in unsere Wohnung zurückkehrte, ging ich via Rengohof zur Siechenkapelle, von wo aus ich das Stoppelfeld des Weizens durchquerte, um das zum Wald hin liegende Haferfeld, das als einziges noch nicht abgeerntet ist, in Augenschein zu nehmen. Der Hafer ist ganz gelb. Er kann nicht mehr reifer werden und dürfte ebenfalls bald verschwinden. - Normalerweise ist der Höhepunkt des Sommers überschritten, wenn die Getreidefelder geentet sind. Tja, so schnell vergeht ein Jahr. Wie viele werde ich noch in dieser Existenzform verbringen?

Vor zehn Minuten hat ein kräftiger Regen eingesetzt. Er ist wie eine Erlösung nach der argen Trockenheit.

Andreas Roedders "Eine kurze Geschichte der Gegenwart"

06. Juli 2018

Andreas Roedders zeitgeschichtliches Werk resümiert in mehreren Kapiteln die verschiedenen Problemfelder der Gegenwart mit Rückblick auf Linien, die von der Vergangenheit her ins Heute führten. Es handelt sich um ein außergewöhnlich qualifiziertes, die Dinge auf den Punkt bringendes, abwägendes, Für und Wider der verschiedenen Entwicklungen möglichst unparteiisch herausstellendes Buch, für das ich dankbar bin.

Die digitale Revolution, die globalisierende Wirtschaft, die Umweltproblematik, Kultur und Bildung, soziale Probleme, die Rolle des Staates, Entstehung und Entwicklung der EU und Weltpolitik werden in eigenen Kapiteln herausgearbeitet, wobei auch mögliche künftige Entwicklungen erwogen werden. Der Autor zeigt nicht ohne Humor, dass es meistens anders gekommen ist, als negative oder positive "Propheten" geweissagt haben. - Und am Schluss fasst ein gekonntes Resümee das Ganze in knapper Form zusammen.

Überblickswerke

06. Juni 2018

Außer der Frühstücksliteratur mit Gisela habe ich in letzter Zeit Überblickswerke gelesen, so von Duden Klassiker der Weltliteratur und Wilhelm Gössmanns Deutsche Kulturgeschichte im Grundriss. Neu eingestiegen bin ich in Hermann Glasers Kleine Kulturgeschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. - Glaser ist genau das, was ich brauche und schätze. Er fängt mit dem Fin de siècle an und führt bis ins wiedervereinigte Deutschland. Im Gegensatz zu Gössmann, desen Buch mit seinem geringen Umfang inhaltlich zu dünn wirkt, bringt Glaser viele unglaublich interessante Quellen ins Spiel und verarbeitet sie gekonnt. Ich lese das Buch sehr sehr gern, weil ich schon immer ein Bedürfnis nach Überblick hatte. Das Werk ist mir auch wichtig im Hinblick auf meinen derzeit entstehenden Roman, denn die männliche Hauptfigur, Iwo Eigner, ist Kulturphilosoph und lässt entsprechendes Wissen in Gespräche einfließen.

Einkauf in Konstanz

30. Mai 2018

Heute fuhr ich mit dem Schiff ab Nussdorf über die Mittagszeit nach Konstanz, wo ich im Lokal direkt bei der Landestelle zu schnell und zu viel aß. Danach spazierte ich gemächlich durch die Altstadt zu Bachstein, wo ich erfolglos eine Trainingshose kaufen wollte. Bei C&A besorgte ich Unterwäsche, kehrte über das LAGO-Einkaufszentrum, ein schreckliches Gewühl von Geschäften, zurück und weilte längere Zeit im Park am See, direkt am Ufer mit Blick in die Ferne. Ich saß in der Nähe einer attraktiven jungen Frau mit Hornbrille, die konzentriert in ein Heft auf ihren Schenkeln schrieb. Was für eine Seltenheit: Ein Mensch, der von Hand schreibt und nicht tippt! Womit beschäftigte sie sich nur?

15.35 Uhr fuhr das Schiff zurück. Ein schöner Tag. Warm, aber nicht zu heiß. Und alle die Menschen ...

Seit gut einer Woche bewundern wir am Abendhimmel immer wieder die Venus, den Jupiter und den zunehmenden Mond. Der Westteil unserer Terrasse eigenet sich gut dafür.

Hesses "Demian"

21. April 2018

Kürzlich haben wir die Rowohl-Monografie von Hermann Hesse zu Ende gelesen. Er ist ein ganz eigener, sehr intim auf seine persönlichen psychischen Zustände bezogener Autor, dessen innere Probleme und Zerrissenheit zwar interessant, aber nicht ganz mein Fall sind.

Hesses Demian ist ein lesenswertes Werk, bei dem mir auffällt, wie sehr es dem Horizont der damaligen Zeit entspricht. Manches erscheint mir künstlich und erzwungen. Hesses Werk war seine Autotherapie und zugleich der anregende Ausdruck seines Suchens.

Bach, Wagner und der Ozean des Friedens

30. März 2018

Habe mit Gisela soeben die Einleitung zu Bachs Matthäus-Passion gehört. Auch wenn das entsprechende Evangelium eine fast ausschließlich erfundene Geschichte erzählt, so vermag dennoch diese Musik ihr eine ästhetische Erhabenheit zu verleihen, die an das Tiefste und Höchste im Menschen rührt. Wäre ich Komponist, so würde ich derartige Musik, wie es Bachs Orchestereinleitung vor dem Einsatz des Chores ist, als mindestens einstündige Sinfonie, nun aber in voller Wagnerscher Instrumentierung, gestalten, eine Sinfonie mit dem Titel Ozean des Friedens, voll von unendlich strömenden Melodien und Harmonien. Sie würde piano anfangen und dann zur Fülle des Orchesters anschwellen. Am Schluss würde sie wieder im Piano verschwinden. - Eine weitere Sinfonie dieser Art, aber mit anderer Stimmung, hieße Ozean der Glückseligkeit, eine andere Geheimnisse der Seele usw. - Es wäre vieles möglich, das noch nie gewagt wurde.

Schlager-Festival im Kursaal

25. März 2018

Gestern Abend besuchten Gisela und ich im hiesigen Kursaal das Schlagerfestival Ab in den Süden, bestritten von drei Frauen und drei Männern. Amüsant, witzig, für mich informativ, weil ich mich nie mit Schlagern beschäftigt habe. Das Publikum, bestehend aus mittleren bis älteren Semestern, begegnete seiner Jugend und ging begeistert mit. Verständlich. Schlager gehören zur populären Kulturlandschaft, die eben auch eine Art von Heimat ist.

Vor ein, zwei Monaten erlebten wir am selben Ort einen ebenfalls gelungenen Abend mit Solopartien aus berühmten Musicals. Damit ist unsere Neugier mit Richtung auf leichte musikalische Muse vorerst gestillt.

Ist das Lesen von Büchern bedroht?

15. März 2018

Heute Abend verfolgten wir im 3sat den Bericht über die Leipziger Buchmesse und deren Preisträger. - Dabei wurde die Tatsache angesprochen, dass immer weniger Menschen noch Bücher lesen, weil sie vor lauter Beanspruchung durch Internet und Smartphone keine Zeit mehr dafür haben und zum Teil das Lesen auch langweilig finden. - Die außengeleiteten Tingeltangel-Existenzen von heute werden die Sklaven von morgen sein.

Mit Gisela in Nussdorf am See

04. März 2018

Nach einer Kälteperiode mit Dauerfrost trat gestern die der Jahreszeit entsprechende Wende ein, und heute hatten wir einen milden, stillen, recht sonnigen Tag nach anfänglichem Nebel. So fuhr ich mit Gisela am Nachmittag nach Nussdorf, wo wir auf einer Bank am See den Anblick der Berge vom Glärnisch über den Säntis bis nach Österreich hinein genossen. Noch liegt dort viel Schnee. Anschließend spazierten wir zum Steg mit der Schiffsanlegestelle, schweiften mit den Augen übers Wasser hin und schauten den Möven, Enten und einem Schwan zu. - Wir waren fast die einzigen. Auf dem nahen Campingplatz stand noch kein einziger Wohnwagen. - Friedliche Stille, fast kein Wind. Da und dort trainierte ein Skiffer, auch Zweierboote ohne Steuermann waren zu sehen.

Hesses "Im Presselschen Gartenhaus"

02. Februar 2018

Hermann Hesses Erzählung Im Presselschen Gartenhaus ist eine gekonnte Hommage an die schwäbischen Dichter in Verbindung mit dem Tübinger Stift. Sie führt die jugendlichen Dichter Mörike und Waiblinger mit dem geistig erloschenen Hölderlin zusammen, und Hesse hätte das nicht so gut gekonnt, wenn er nicht selbst Schwabe gewesen wäre.

Stufenweg des Menschseins

31. Januar 2018

Eine Art von Stufenweg des Menschseins auf diesem Planeten lässt sich wie folgt beschreiben:

Die erste Stufe besteht darin, dass die Menschen sich ganz im Kampf und Gewühle um die von animalischen Interessen beherrschte Existenz aufreiben und so Erfüllung finden. - Es geht um das, was ich an verschiedenen Stellen die animalische Dreifaltigkeit genannt habe: Ernährung; Fortpflanzung und Aufzucht der Nachkommen; Schutz, Bekleidung, Behausung und Sicherheit, Beruf und Geldverdienen, Häusle bauen usw.

Die zweite Stufe wird erreicht, wenn wir vom gewöhnlichen Kampf und Gewühle des irdischen Alltags zurücktreten und uns nicht länger darin verlieren, sondern dieses Leben in künstlerisch-ästehetischer Form sehen und darstellen lernen. Auf keinem Gebiet ist diese Darstellung so subtil und umfassend wie auf dem der Literatur als Kunst (Belletristik). Auch Wissenschaft und Forschung, desgleichen Religionen und Ideologien entsprechen der zweiten Stufe, die ich seit meiner Jugend zu meiner Sache machte, wobei ich allerdings nicht ganz um das "Gewühle" herumkam, denn meine Lehre in einer Anwaltskanzlei gehörte hierher. - Der Beruf zuerst als Lehrer und danach als Dozent bildete einen Übergang von der ersten zur zweiten Stufe, weil er mit viel Alltagskram (Selbstverwaltung der Schule/Hochschule, Noten, Prüfungen) belastet war. - Erst gegen Ende meiner Dozententätigkeit konnte ich mich immer ausschließlicher der Schriftstellerei widmen. Meditatieren und das an letzte Fragen rührende Philosophieren bilden den Übergang zur dritten Stufe.

Auf der dritten Stufe schließlich wendet sich das Interesse über die Erscheinungsformen von Kunst, Wissenschaft und Religion hinaus dem spirituelle Wesen zu, dem es sich immer mehr hingibt. Diese Zukunftsperspektive, welche Kunst, Philosophie und Meditation einbezieht, habe ich stets vor Augen.

Werke Eduard von Keyserlings

30. Januar 2018

Eduard von Keyserlings Erzählung Schwüle Tage hat mich tief berührt, vor allem wegen der ungewöhnlich lebendigen Schilderung der Natur und der damaligen Welt des Adels auf seinen Landsitzen. Ohne dass viel passiert, nimmt einen das Atmosphärische der Erzählung gefangen. Es ist eine literarisch aufbewahrte untergegangene Welt, weshalb der Leser eine echte Zeitreise durchmacht.

Eduard von Keyserlings Roman Fürstinnen geht mir sehr nahe. Ich liebe seine Stimmungskunst, seine Naturschilderungen, und ich liebe es, dass seine Figuren ein luxuriöses Leben ohne akute materielle Sorgen führen können. Er komponiert das irgendwie schwebende Geschehen wie eine Sinfonie, wobei die einzelnen Personen wie Passagen von Soloinstrumenten im sinfonischen Weben auftauchen und wieder zurückgenommen werden. - Was mir bei Keyserling fehlt, ist das ganz Eigene, Kreative, Innovative der Personen, die mir wie Hohlräume vorkommen, welche durch Adel-Etikette und Fassadenspiele umkleidet sind. So kommen diese Menschen nie zum Eigenen, obwohl sie sich danach sehnen. - Um dieses Eigene aber geht es mir in meinen Erzählungen und Romanen.

Der Film "Metropolis" und Thea von Harbous Roman dazu

17. Januar 2018

In unseren letzten Ottersberger Jahren wurde in der Glocke in Bremen der berühmte Stummfilm-Klassiker Metropolis gezeigt, live begleitet von einem Jugendsinfonieorchester, das die Original-Musik von Huppertz parallel zum ablaufenden Film spielte. - Danach kaufte ich Thea von Harbous gleichnamigen Roman, auf dem das Drehbuch basiert. Thea von Harbou hat eine große Anzahl von Drehbüchern und Romanen verfasst. Das, was ich im Netz unter Wikipädia fand, reizte mich zur Beschäftigung mit dieser Autorin, obwohl sie dem NS positiv zugewandt war. Fast drängt sich der Vergleich mit Leni Riefenstahl auf.

Schon nach den ersten 70 Seiten des Romans Thea von Harbous war ich enttäuscht, und zwar aus folgenden Gründen: Vieles ist nicht klar vermittelt. Vor allem aber ist das Geschehen unglaubwürdig und mit kitschiger Mystik vermengt. Eine frappierend einfache und klotzige Art, Menschen zu bewegen und Dinge geschehen zu lassen, verhindert innere Teilnahme an den Abläufen.

Die montierende Technik, den Text zu gestalten, finde ich in Ordnung, zumals bei dem Thema. Aber auch hier fehlt das Fingerspitzengefühl. - Die mich überraschende Klotzigkeit dieser Frau scheint mir übrigens zu der biografischen Tatsache zu passen, dass sie später für den NS anfällig war.

Der Plot des Romans steckt voller nicht nachvollziehbarer Unwahrscheinlichkeiten. Er ist mit kitschiger, dem Alten und dem Neuen Testament entnommener Religiosität gespickt, oft unklar in Bezug auf die Abläufe und passt im übrigen in das expressionistische Weltschmerz- und Welterlösungspathos. - Thea von Harbou gehört zum selben Jahrgang wie Vicky Baum. Expressionismus in Metropolis und Neue Sachlichkeit in Menschen im Hotel.

Die Sprache von Harbous ist dermaßen überdreht, dass ein heutiger Mensch diesen Roman kaum genießen kann. Als Film dagegen wurde aus diesem Text ein expressionistisches Meisterwerk. Der Film verfügt eben genuin über die Mittel, die einem bloßen Text nicht zu Gebote stehen. - Fritz Lang, der Schöpfer des Films, hat in den Jahren der Entstehung desselben mit Thea von Harbou zusammengelebt, doch gingen die Wege der beiden danach auseinander.

Thomas Manns "Die Buddenbrooks"

12. Januar 2018

Mit der Lektüre der berühmten Buddenbrooks tat ich mir zuerst schwer. Das Buch ist zwar mit viel Detailwissen ausgestattet und naturalistisch gut geschrieben, aber es konnte mich vor allem auf den ersten hundert Seiten nicht fesseln. Es gibt zwar einen vorzüglichen Einblick in die entsetzlich spießigen, engen Verhältnisse des 19. Jahrhunderts, doch ist es vom Menschlichen her wenig interessant. Der Autor stellt eine Menge Personen vor, die er detailreich beschreibt, nur kann man sich all den Kleinkram nicht merken, da man sich mit den einzelnen Personen nur zögernd verbinden kann. Es entsteht nicht jener Sog, der den Leser nicht mehr loslässt. Nur in dem Maße, als einen eine Person gefangen nimmt, interessieren auch deren Details.

Hinzu kommt, dass für einen heutigen Leser Manns Sprache einer vergangenen Zeit angehört. Die zahlreichen plattdeutschen Sprenkel und die kaum noch vertrauten Fachausdrücke, ebenso das reiche Arsenal veralteter französischer Wendungen, erschweren das Verständnis und behindern das Eintauchen, welches die Lektüre spannend macht.

Wie dem auch sei, Thomas Mann schreibt auf hohem handwerklichem Niveau und gliedert das Geschehen nicht nur in mehrere Kapitel, sondern innerhalb derselben in durchnummerierte Abschnitte. Das ist gut. Seine Sprache entfaltet sich gekonnt und wortreich. Allerding zieht die naturalistische Detailversessenheit mit ihren umständlichen Schilderungen das Lesen zu sehr in die Länge, worüber die Spannung verloren geht. - Dieser Autor verfügt über einen großen Reichtum an anschaulichen Charakterisierungen, doch häuft er zu viel davon auf, um eine Person oder einen Vorgang zu vermitteln, weshalb jene klare, sich einprägende Plastizität nicht entstehen will. Es ist wohl besser, Personen des Plots eher beiläufig im Verlauf eines Vorgangs, einer Konversation, eines Geschehens mit typischen Merkmalen zu versehen. Das bleibt beim Leser eher hängen als ein Schwall angehäufter Eigenschaften, wenn diese - für sich genommen - auch noch so trefflich formuliert sind. Die Sprache droht bei Mann immer wieder Selbstzweck zu werden, und das darf nicht sein, weil sie stets durchlässig für den auszusagenden Inhalt bleiben soll.

In den Buddenbrooks gibt es zahlreiche wirklich gefangennehmende Passagen, aber leider ebenso viele, die eher langweilen und kein echtes Interesse zu wecken vermögen. - Sehr gelungene Szenen sind die sich entwickelnde Zuneigung zwischen Toni und Moorten, ebenso Grünlichs aufdringliche Werbung um Antonie (Toni) und dann der Sturz Grünlichs in den Konkurs. Auch die hin und her wogende Auseinandersetzung Tonis mit ihrem Bruder Thomas vor ihrer zweiten Scheidung ist packend.

Die epische Breite kann durchaus oft das spannungsgeladene Vorwärtsdrängen ersetzen, wenn sie einem die Möglichkeit bietet, in klar gemalten Bildern zu schwelgen, ohne den Text als anstrengend zu empfinden. Es gibt solche Passagen in den Buddenbrooks, zum Beispiel Thomas Buddenbrooks Aufenthalt am Meer bei Travemünde kurz vor seinem Tod.

Das Büchergestell meiner Eltern und ein merkwürdiger Roman

05. Januar 2018

Vor gut einer Woche stieg eine Erinnerung in mir auf, die für mich als Literat interessant ist. - Ich muss 13 bis 14 Jahre alt gewesen sein und wohnte im Elternhaus an der Bahnhofstraße 68 in Wettingen/Aargau/Schweiz, und zwar im Parterre bei den Großeltern in jenem Zimmer, dessen Fenster über der Waschküche nach Osten hin an der von der Straße abgewandten Seite des Hauses liegt.

Meine Eltern und mein jüngerer Bruder belegten den ersten Stock. Im Wohnzimmer stand ein Büchergestell aus dunkel gebeiztem Eichenholz. Es enthielt unterschiedliche Literatur, so ethnologische Bücher über Afrika, Indonesien und den pazifischen Raum, ferner die große dreibändige Völkerkunde von Hugo von Bernatzik, einem Wiener Professor und Rassisten, der aber nicht Nazi war. Da war ferner ein dicker Band über das Geschlechtsleben von einem Dr. Kahn (nach meiner Erinnerung), das ich in der Pubertät las, auch Bücher über die Natur. Und weil die Eltern Mitglieder der Büchergilde Gutenberg waren, standen in den Regalen eine stattliche Anzahl Romane von Pearl Buck, Bromfield, Erich Maria Remarque und anderen. Ich las einen Roman von Pearl Buck, mehrere Romane von Remarque und freilich die berühmten Titel Die letzten Tage von Pompej, Ben Hur und Quo vadis? Übrigens gab es auch Bücher von John Knittel und Vicky Baum.

Aber, und damit komme ich zum Anlass dieser Eintragung: Da stand ein Roman mit alter Typografie. Ich erinnerte mich nur noch an den Titel: Die Frau ohne Liebe, wusste aber überhaupt nichts mehr über den Inhalt. Auch den Autor/die Autorin hatte ich vergessen. Doch eines wusste ich noch, dass ich im besagten Alter diesen Roman in einem Zug vom Abend bis zum frühen Morgen im Bett las, ein Vorgang, der sich so in meinem weiteren Leben nicht wiederholt hat.

Ich beschloss, im Internet zu recherchieren, fand den Roman (erschienen 1935 in Leipzig) und bestellte ihn. Heute ist er gekommen. Ich las das erste Kapitel und sah sofort, dass es sich um Trivialliteratur handelt, die mit einfachen Stereotypen arbeitet: Da ist die unglaublich schöne, alle Männer behexende Techter eines Industriebarons und ihre eifersüchtige Schwiegermutter etc.

Ich kann mich wirklich nicht erinnern, dieses Buch gelesen zu haben, doch gibt es keinen zweiten Roman dieses Titels. Ich werde die Geschichte ein wenig überfliegen. - Meine Recherchen ergaben Folgendes:

Autorin: Aja (eigentlich Margarete) Berg. - Lebensdaten: geb. 1882 in Eberswalde, gest. 1941. - Werke: 57 Publikationen als Alleinautorin und zahlreiche weitere als Coautorin. - Aja Berg war auf Frauenromane spezialisiert, wie die Titel ihrer Werke nahelegen.

Was hat mich als Jungen bewogen, diesen Roman zu verschlingen? Vielleicht die stolze, alle Männer abweisende Einsamkeit der schönen jungen Frau. Ich will das irgendwann verfolgen.

Tja, meine Vergangenheit ist ein Mythos voller Geheimnisse. Was weiß ich schon über mich? Brauche ich mehr zu wissen? Jedenfalls tauchen inzwischen öfter Fetzen von Kindheitserinnerungen auf als früher.

Wer war diese Aja Berg mit ihrer unermüdlichen Produktivität? War das für sie ein erfüllendes Leben? Was konnte sie ihren LeserInnen geben? Vielleicht Träume von einem scheinbar bedeutungsvolleren Leben, als das eigene es war. - Eines hat die Trivialliteratur mit der anspruchsvollen Literatur gemeinsam: Sie bietet Inseln, auf denen sich mit der Fantasie leben lässt. Sie ist, obzwar trivial, dennoch ein Stück Kultur, von Menschen hervorgebracht.

Der alte Film "Himmel auf Erden"

02. Januar 2018

Eben haben wir den 1935 entstandenen Film Himmel auf Erden mit Heinz Rühmann, Hans Moser, Theo Lingen, Hermann Thimig und Adele Sandrock gesehen. Verwechslungskomödie als reine Unterhaltung um die verwirrende Entstehung eines Musicals. Ich mag diese Unterhaltung. Gerade weil sie den Alltag auf humorvolle Weise hinter sich lässt, ist sie wohltuend. Man mag sie kitschig nennen, doch spielen immerhin die versammelten deutschen Spitzenkomiker der damaligen Zeit.

Ich liebe leichte Unterhaltung, weil sie sich von der oft bitteren Realität des irdischen Daseins unterscheidet. Es sind kleine Kulturparadiese, welche auch die Unzulänglichkeiten und skurrilen Eigenarten der Menschen auf versöhnliche Art mit einbeziehen. - Wenn man bedenkt, dass im Entstehungsjahr dieses Films die Nürnberger Rassegesetze verkündet wurden ... Solche Filme waren für die Menschen Räume der Zuflucht vor einer Wirklichkeit, die sie ohnehin nicht ändern konnten. Ebenso boten Romane, Musik u.a. Zuflucht.

Die Kultur, auch die leichte Muse, ist die spezifisch menschliche Welt. Das übrige sollte überhaupt nur dazu da sein, die Kultur zu ermöglichen und zu tragen.

powered by webEdition CMS